Samstag, 7. Januar 2017

Unsere Hälfte des Himmels - Clarissa Linden

 


* Unsere Hälfte des Himmels *
von
Clarissa Linden


Roman
448 Seiten
erscheint
am 10.Januar 2017
im KNAUR TB Verlag



Kurz zur Geschichte
In den 1930er Jahren sind Amelie und ihre Freundin Johanna (Hanni) unzertrennlich. Beide verbindet die Leidenschaft des Fliegens und eines Tages wollen sie den Himmel erobern und als Pilotinnen bekannt werden. Doch in der Nazizeit scheint es unmöglich sich diesen Traum zu erfüllen. Doch beide Frauen halten an diesem Traum fest, bis sich eine in den Fluglehrer verliebt und die andere deswegen ihre gemeinsame Berufslaufbahn in Gefahr sieht und eine folgenschwere Entscheidung trifft.
40 Jahre später, Lieselotte, die Tochter von Amelie würde sehr gerne ihrem tristen Leben in Kassel entfliehen. Durch einen Unfall liegt ihre Mutter Amelie im Koma und um in ihrer Nähe zu sein, zieht Lieselotte kurzfristig in deren Wohnung nach Frankfurt und kann sich für ein eigenständiges, selbstbestimmtes Leben begeistern. Zudem kommt einem Geheimnis auf die Spur, welches sie ihrer gefühskalten Mutter niemals zugtraut hätte.


Meine Meinung
Wie ja schon mehrmals erwähnt, liebe ich den Schreibstil von der Autorin sehr. Gefühlvoll, genau der Zeit entsprechend echt, normal und nicht zu übertrieben stellt sie die Charaktere ihrer Geschichte vor, inkl. einer Personenübersicht zu Beginn des Buches.

Kassel, Anfang der 70er Jahre:
Lieselotte lebt mit ihrem Ehemann Eduard in Kassel und führt ein Leben welches ihr Mann bestimmt. Sie bedient ihn, macht und kocht und folgt seinen Kommandos. Doch innerlich träumt sie von einem Leben welches auch ihr gefallen würde, selbstbestimmt, unabhängig und gedanklich frei. Doch das scheint zu diesen Zeiten damals unmöglich, eine Frau gehört in das gemütliche Daheim. Doch wie das Schicksal es will fällt Lieselotte´s Mutter nach einem Unfall ins Koma und um bei ihr zu sein, reist Lieselotte nach Frankfurt und zieht kurzfristig in die mütterliche Wohnung. Obwohl die Mutter-Tochter-Beziehung meist gefühlskalt und nicht so inniglich war, möchte Lieselotte ihrer Mutter unter diesem schlimmen Umstand nah sein.
Während dieser Zeit stöbert sie in den Unterlagen ihrer Mutter und findet einen Brief der mit "Hanni" unterschrieben wurde. Eine Hanni hatte ihre Mutter ihr gegenüber nie erwähnt. Nun begibt sich Lieselotte auf eine Reise in die Vergangenheit, wo sie nicht weiß wie diese enden wird. Doch eines hat sie schon gemerkt, ihr gefällt dieses eigenständige und selbstbestimmende Leben ohne Kommando-Eduard sehr gut.


Frankfurt, in den 30er Jahren:  
Amelie und ihre engste Freundin Johanna (Hanni) verbindet das Hobby des Fliegens. Doch sie wollen nicht nur ihre Freizeit damit verbringen, denn sie streben nach Höherem und bewerben sich für die Ausbildung als Werksfliegerinnen bei den Bücker-Werken. Doch als beide die Zusage bekommen hat sich Amelie inzwischen in den Fluglehrer Felix verliebt und ist zudem noch schwanger von ihm. Hanni will aber das Amelie mit ihr nach Berlin zieht und die Ausbildung beginnt, doch wie kann sie die frisch Verliebten trennen? Sie schmiedet einen folgenschwerden Plan und ahnt nicht im geringsten was sie damit anrichtet.


Mutter und Tochter sind sich doch nicht so unähnlich wie man zuerst dachte, beide haben sich von anderen Menschen bestimmen lassen, wie sie leben und was sie zu tun haben. Amelie lässt sich von der herrischen Hanni vorsagen, was sie zu tun hat und baut damit einen ungemeinen Druck auf, um bloss gemeinsam ans Ziel zu kommen und Lieselotte lässt sich 40 Jahre später von Eduard ihr Leben vorschreiben. Aber so war das damals, man kannte es nicht anders und ändern wollte/konnte man es eh nicht. Aber der innere Drang, das sich was ändern muss, der wird hier sehr gut beschrieben. Man möchte beim Lesen förmlich ins Buch schreien, lebt Euer Leben und nicht wie es andere wollen.
Je mehr ich in die Geschichte eindrang, umso mehr konnte ich es aber auch verstehen, so waren eben damals die Zeiten.
 Schade fand ich, das Lieselotte und Amelie keine so liebevolle und innige Beziehung zueinander hatten, man merkte irgendwie, das die Tochter vielleicht zu keinem unpassenderen Zeitpunkt hätte geboren werden können. Der Traum als Fiegerin war für Amelie somit ausgeträumt. 
Hier zitiere ich zwei Sätze von Amelie die eigentlich alles aussagen:
" Nur ein Kind, das sich zwischen sie und den Himmel stellt. Ein Kind, das sie sich nicht gewünscht hat und für das sie nun zwiespältige Gefühle hegt."
Aber vielleicht erwacht Amelie ja aus dem Koma und die beiden Frauen nähern sich wieder an? Ich würde es beiden wünschen, denn nichts ist enger, wie eine Mutter-Tochter-Beziehung.

So gar nicht verstehen konnte ich Hanni, die zwar immer sehr genau wusste wie sie an ihre gesteckten Ziele kommen kann, aber das sie sich so gemein und überaus tragisch gegenüber ihrer angeblich besten Freundin Amelie benahm, das hat mich sehr schockiert. Aber wie konnte Amelie es auch wagen, sich zu widersetzen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen ohne es mit Hanni zu besprechen? Ein Schritt aus dem Schatten und das Verhängnis nimmt seinen Lauf.

Ich liebe es ja immer sehr, am Ende eines Buches noch Nachträge und weitere Hintergrundinformationen zu lesen und hier wurde ich wieder nicht enttäuscht. Sehr lesenswert und informativ.

Meine Empfindungen beim Lesen:
Während des Lesen hatte ich "echte Bilder" aus der Zeit der 70er Jahre in Kassel vor mir, da ich die Stadt sehr genau kenne und zu der Zeit das Licht der Welt dort erblickte. Schmunzeln musste ich bei einigen Erinnerungen, die schon verschüttet waren, aber hier erwähnt wurden und mir ins Gedächtnis dadurch gerufen wurden z.b. das abendliche Martini-Bier, ein Stück der legendären Ahlen Worschd, die leckeren Treets oder der "Seifenplatz" (Ihr Platz-Eine Drogerie). Herrlich wie diese Bilder wieder auflebten. Danke dafür, liebe Clarissa. 

Für diesen wundervollen Roman gibt es von mir eine klare Kauf- und Leseempfehlung.