Sonntag, 3. Dezember 2017

Leseprobe - Georg Adamah


Dezember



* Liliths Töchter, Adams Söhne *
von
~ Georg Adamah ~


~ Leseprobe ~



Susanna
Zwei Wochen später ist Schluss. Es ist Freitagabend. Susanna hat schlechte Laune, als sie nach Hause kommt.
„Wir hatten doch halb sechs ausgemacht. Warum bist du noch nicht fertig? Ich möchte auch noch was von dem schönen Wetter haben“, mault sie.
Ich beeile mich. Wir fahren mit dem Wagen raus aus der Stadt. Die Stimmung zwischen uns ist angespannt. Ich bin verärgert und zugleich krampfhaft bemüht, es nicht zu zeigen. Einige Tage war ich unterwegs und kam erst heute zurück. Ich öffnete die Wohnungstür. Susannas High Heels begrüßten mich höhnisch, direkt neben der Tür, dort, wo üblicherweise nur Schuhe stehen, die kürzlich benutzt worden sind. Vor meiner Abreise standen sie noch nicht da. Offensichtlich hatte sie die High Heels während meiner Abwesenheit angehabt.

Aber Susanna trägt normalerweise während der Woche keine High Heels. High Heels zieht sie nur an den Wochenenden an, Freitagabend oder Samstagabend, wenn sie sich zum Ausgehen aufdonnert. Wo war sie? Ich sah sie vor mir.
Dunkler, satter Kajal, gerötete Lippen, die kastanienbraunen Haare zu weich fallenden Locken geknetet, schwarzes Kleid mit weitem Ausschnitt, schwarze High Heels. Ich sah sie vor mir, wie sie am Abend aufbrach, mit der Gewissheit, dass niemand erfahren würde, wohin sie ging und was sie vorhatte. Ich sah sie vor mir, wie sie aus der Haustür trat: ein letzter verstohlener Blick, mit ihren Freundinnen beim Essen, wie sie dem Typen am Nebentisch schöne Augen machte, wie sie sich in der Discothek von irgendeinem dieser Primitivlinge genüsslich anbaggern ließ, Bist du allein hier?,
wie sie ihr Gegenüber taxierte, wie sie sich vorstellte, wie es wohl wäre, wenn sie sich von ihm auf dem Parkplatz draußen in sein Auto zerren ließe, wo ihre Zungenspitze sich zwischen seine Lippen schob, während seine Hände an ihren Flanken nach unten glitten und er ihr Kleid hochschob.

„Ich würde gern morgen meine Kinder einladen.“
Susanna schnaubt genervt.
„Schon wieder? Darauf hab ich echt keinen Bock. Morgen soll es noch mal richtig heiß werden, vielleicht das letzte Mal in diesem Jahr. Ich möchte was unternehmen. Du hattest deine Kinder doch erst letzte Woche.“
Ich atme tief durch. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mich zwischen meinen Kindern und Susanna entscheiden muss.
„Ich hatte letzte Woche doch nur Isabella. Ich hätte gerne mal wieder beide bei mir.“
Und Susanna:
„Na gut, hast du eben deine Kinder. Dann werde ich alleine etwas unternehmen.“

Bist du allein hier?
Als Susanna und ich ein Paar wurden, konnte sie es nicht erwarten, meine Kinder kennenzulernen. „Lass uns noch ein bisschen warten. Es ist noch zu früh“ bat ich nach zwei Monaten. „Wie lange denn noch?“, quengelte sie. „Stehst du nicht zu mir?“ Sie ließ nicht locker, bis ich nachgab. Wir trafen uns in einem Restaurant. Ich und die Kinder an einem Tisch sitzend, Susanna, die plötzlich erscheint, mit verschämtem Lächeln in schwarz transparenter Bluse und engen dunklen Jeans, sich zwischen uns einnistend wie ein Parasit, die Kinder, betreten schweigend.

Bist du allein hier?
Ich reagiere gereizt:
„Es ist immer das Gleiche. Immer muss es nach deiner Vorstellung laufen. Ich kann meine Kinder nur bei mir haben, wann es dir passt.“
Und Susanna, ebenso gereizt, mit erhobener Stimme:
„Das ist doch Schwachsinn.“
„Ich muss dich geradezu um Erlaubnis fragen. Aber wenn irgendwer von deiner Familie kommt, reicht es, wenn du mich eine Stunde vorher so mal eben in Kenntnis setzt“, gifte ich zurück.
Susanna quittiert meine Beschwerde mit höhnischem Gelächter:
„Das ist nicht wahr. Wann soll das gewesen sein? ... Was? ... Wann? ... Das war ja wohl etwas ganz anderes.“
Ich gerate in Rage.
„Das kotzt mich so was von an ... Das war etwas anderes? ... Es ist immer etwas anderes, wenn es um deine Familie geht ... wenn es um deine Interessen geht ... Du kotzt mich an.“
In der Enge des Wagens ist es inzwischen unerträglich.
„Lass mich aussteigen. Mir reicht es.“
Aber Susanna ignoriert mich mittlerweile, ignoriert meine Aufforderung, fährt einfach weiter.
„Lass mich aussteigen!“, schreie ich.
Und Susanna außer sich:
„Es reicht. Ich habe keine Lust mehr. Es ist aus. Aus und vorbei!“

Ich versteinere plötzlich, schweige.
Und Susannas High Heels langweilen sich neben der Tür. Bist du allein hier?
Die Stille bestärkt Susanna. Endlich hat sie einen Weg gefunden, mich zum Schweigen zu bringen, meinen Widerspruch zu ersticken.
„Es ist aus. Die Luft ist raus! Ich kann nicht mit dir. Ich liebe dich nicht mehr.“
Und dann fährt sie in gefassterem Ton fort:
„Bei uns ist doch schon seit einiger Zeit der Wurm drin. Nicht erst seit heute. Ich bin nicht mehr glücklich mit dir. Und wenn du ehrlich zu dir selbst bist, bist du doch auch schon lange nicht mehr glücklich mit mir.“

Ich bin paralysiert. Absolute Leere in meinem Kopf. Sie meint es ernst. Das Auto wendet, wir fahren zurück nach Hause. Freitagabend. Als die Lähmung allmählich nachlässt, versuche ich sie umzustimmen, drohe, argumentiere, bettle. Nur erreiche ich sie nicht, nicht mehr. Ich habe die Kontrolle verloren.
Susanna hingegen hat keine Angst. Sie ist nicht traurig, nicht hin- und hergerissen. Sie ist entschlossen. Sie scheint einen Plan zu haben. Es ist Freitagabend und dieser Abend ist für sie noch nicht gelaufen. Zuhause angekommen, kramt sie Klamotten zusammen, Hose und Bluse, neue Kleidung, die ich bislang noch nie an ihr gesehen habe, sie hat sich offensichtlich neue Sachen zugelegt, in Farben, die sie bislang kaum getragen hat, zumindest so lange ich sie kenne, gelb und grün, so lange wir zusammen waren, hat sie stets dunkle Farben getragen und mir fallen die Worte einer Bekannten ein,
Weißt du, woran du hundertprozentig erkennst, dass eine Frau einen neuen Lover hat?
Keine Ahnung, woran denn?
Neue Klamotten, neuer Look!

Susanna verhält sich, als wäre ich nicht-existent. Sie legt Schminke, Kajal, Wimperntusche und Lidschatten nach und stürzt – ohne von mir Notiz zu nehmen - mit den Kleidungsstücken über dem Arm zur Tür. Meine Fundamente geraten ins Wanken. Ein metallischer Geschmack breitet sich in meinem Mund aus. Ich falle.
Dann beginnen meine Gedanken zu kreisen.
Wohin geht sie? Wo zieht sie sich um? Warum zieht sie sich nicht zu Hause um? Hat sie etwas zu verbergen? Wartet irgendwo jemand auf sie? Gibt es bereits einen Neuen?
Wände, Decke und Boden bewegen sich mit der gleichgültigen Entschlossenheit einer Schrottpresse auf mich zu. Ich muss raus, nur raus.
Die Luft ist raus.
Wohin soll ich gehen? Ab in die nächste Kneipe. Die Jazzbar quillt über vor Menschen, doch ich entdecke kein einziges vertrautes Gesicht. Gottseidank!
Bist du allein hier?

Ich will niemandem begegnen. Aber obwohl ich niemanden kenne, fühle ich mich unwohl. Misstrauisch beäuge ich die Gäste. Wie sie mich ansehen. Wie sie mich mit ihren Augen verfolgen. Wissen sie Bescheid?
Ich kann nicht mit dir. Ich liebe dich nicht mehr.
Weiß jemand etwas über Susanna? Über mich? Über uns? Weiß jemand hier viel mehr als ich weiß und beobachtet meine Verwirrung, meine Angst, meine Hilflosigkeit mit dem gleichen faszinierten Interesse an Empirie, mit dem Kinder selbstgefangene und in ausgediente Einmachgläser gesperrte Spinnen, Kellerasseln, Ohrwürmer und anderes Getier analysieren?
Es dauert nicht lange, dann beginnen die Wände der Jazzbar sich aufeinander zu zu bewegen. Ich muss weiter. In die „Linde“. Aber kaum bin ich dort angekommen, will ich wieder weg, nur weg.

Jetzt nur nicht in Panik verfallen.
Dreh nicht durch. Du bleibst jetzt hier und wirst in aller Ruhe was trinken.
Ich halte mich am Tresen fest. Vor mir ein Pils, denn ich habe ein Pils bestellt, weil Pils schließlich mehr Hopfen enthält als andere Biere und Hopfen beruhigt bekanntlich, aber dieses Pils beruhigt mich nicht, dieses Pils hat keine sedierende, schmerzstillende, betäubende Wirkung, es nimmt mich nicht in den Arm, es tröstet mich nicht, es redet mir nicht gut zu, es schweigt mich an, es riecht nach Schweinestall und hat einen säuerlichen Nachgeschmack. In Fünf-Minuten-Abständen gehe ich vor die Tür um zu rauchen. Ich bin machtlos. Wahrscheinlich ist Susanna schon dabei, einem anderen Mann den Kopf zu verdrehen.

Bist du allein? Susanna lächelt verschämt.
Wohin ist sie gegangen? In meiner Vorstellung sehe ich sie, wie sie einem namenlosen Unbekannten bereits SMSen schickt, dass sie sich gerade getrennt hat,
Die Luft ist raus,
sie braucht jetzt jemanden zum Reden, ob er noch wach sei, ob sie sich sehen könnten.
Auf dem Parkplatz. In seinem Auto.
Auch in der „Linde“ ist es nicht auszuhalten. Es ist nirgendwo auszuhalten. Vielleicht hat Susanna es sich ja doch noch überlegt und ist nach Hause zurückgekehrt? Ich stürze den Rest meines Biers in mich hinein, lasse ausreichend Geld auf dem Tresen und gehe. Schon von weitem belächeln mich mitleidig die erleuchteten Fenster unserer Wohnung. Sie ist da. Gottseidank. Vielleicht hat sie nur geblufft. Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit sie umzustimmen.

Es ist aus.
Das darf nicht sein. Wo ich doch so viel für sie aufgegeben habe. Der Preis, den ich für sie bezahlte, war so hoch. Soll das alles verloren sein? Das darf einfach nicht sein.
Ich kann nicht mit dir.
Als ich die Wohnung betrete, ist alles dunkel. Ich klopfe an die Wohnzimmertür.
Ich liebe dich nicht mehr.
Susanna murmelt ein „ja“. Ich öffne die Tür. Sie hat aus der Wohnzimmercouch eine Schlafstatt gebastelt, sich in Wolldecken gewickelt und scheint schon fast am Einschlafen gewesen zu sein.
„Du warst nicht lange weg.“
Sie schüttelt stumm den Kopf.
„Eigentlich ein Jammer“, biedere ich mich an, „du hast so gut ausgesehen heute Abend.“ Ich bin weich wie Pannacotta, ja, Pannacotta, nicht wie Vanillepudding, nicht wie der Vanillepudding meiner Mutter in meiner Kindheit, der grießig gewesen ist, fest und mit einer ledrigen Haut überzogen, sondern weich wie eine perfekte Pannacotta, die mich in ihrer Konsistenz an die idealen Brüste einer Frau erinnert, glatt, weiß, glänzend, bei jeder Erschütterung erzitternd. Susanna verzieht dankbar die Mundwinkel.

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Am nächsten Morgen setze ich ein Gesicht auf, das grimmige Entschlossenheit zur Schau tragen soll, werfe heulende Jacketts und protestierende Krawatten aufs Bett und verstaue Hosen, die sich wimmernd an meine Waden klammern, Hemden, die stocksteif und mit unbewegter Miene alles über sich ergehen lassen, schockierte Socken, versteinerte Pullover und traumatisierte T-Shirts in Koffern. In Zeitlupe. Stück für Stück. Für Stück. Jedes einzelne Kleidungsstück eine Show, während der ich hoffe, dass sie bittet,
Bleib doch!,
dass sie mir sagen wird, dass wir nichts überstürzen sollen. Susanna schweigt. Ich gehe.

Allerdings gehe ich nicht wie damals, vor fünf Jahren, als ich meine Frau um Susannas willen verließ. Ich gehe nicht, um mit einer Frau zusammen zu sein, die an mir interessiert ist, die neugierig auf mich ist, die in mir nicht nur einen Automaten sieht, der dazu dient, den monatlichen Kontostand auszugleichen, die fasziniert von mir ist, so fasziniert, wie ich es schon viele Jahre nicht mehr erlebt habe, die einen Narren an mir gefressen hat, die nichts außer Sex mit mir im Kopf zu haben scheint, die mir stündlich Nachrichten schickt,
Du bist soooooooo ein toller Mann. Ich glaube, ich bin in dich verliebt,
Und ich,
Soso ... Du glaubst, du bist in mich verliebt,
und Susanna,
Ich weiß es, ich bin gaaaanz sicher. Du bist das Beste, was mir je passiert ist.

Diesmal gehe ich ohne Perspektive. Ich suche, damals wie auch dieses Mal, Unterschlupf bei meiner Mutter. Wo soll ich auch sonst auf die Schnelle hin? In der anonymen Einsamkeit eines Hotelzimmers würde ich in meinem Zustand elendig zugrunde gehen. Ich fahre mit dem Auto auf den Hof, stelle die Koffer in den Flur und meine Mutter starrt mich an mit aufgerissenen Augen, genauso wie sie mich seinerzeit mit aufgerissenen Augen anstarrte:
Du hast doch nicht etwa eine Andere?
„Sie wird doch nicht einen Anderen haben?“

Sie räumt – genau wie damals - ein Zimmer frei. Doch diesmal ist es nicht nur eine Abstellmöglichkeit für meine Habseligkeiten,
Ich übernachte heute Abend bei einem Freund, mach dir keine Gedanken,
anders als damals ist das freigeräumte Zimmer diesmal für mich die Endstation. Es gibt keinen Plan, ich sitze meiner Mutter gegenüber am Tisch und habe keinen wichtigen Termin mit einem Freund, bei dem ich praktischerweise auch übernachten werde, ich weiß nicht wohin und meine Mutter mit weit aufgerissenen Augen,
Sie wird doch nicht einen Anderen haben?




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