Samstag, 2. Dezember 2017

Buchverlosung - Isabella Archan



Dezember



Die liebe Autorin

Isabella Archan

und der

EMONS Verlag

stellen mir für den heutigen Tag den Krimi


zur Verlosung zur Verfügung. (Print)


Ich bitte Euch mir folgende Frage zu beantworten:

Mit welchem Problem, das ihr als Zahnärztin neben ihrer Vorliebe Mörder zu jagen ziemlich zusetzt, hat Dr. Leocardia Kardiff zu kämpfen?


Die Lösung schickt ihr mir bitte 

per eMail an: 

cschuetz1971@aol.com


 bis:

Montag, den 04.12.2017, 20 Uhr 


Unter allen richtigen Lösungen werde ich dann die Gewinnerin oder den Gewinner auslosen und per Mail benachrichtigen.




Hier noch eine Leseprobe, damit ihr auf den Geschmack kommt und das Buch unbedingt gewinnen und lesen wollt. 

😉

Ebbi liebte ihren Mörder. In der leeren Wohnung hatte sie ihn schon hören können, obwohl er sich bemühte, leise auf dem Parkett aufzutreten. Tanzen hätte man hier drinnen können, dachte sie, in diesem großen Raum, noch jungfräulich ohne Möbel, mit Blick auf den Rudolfplatz, das Getümmel da unten an der Haltestelle neben der Hahnentorburg und auf dem kleinen Trödelmarkt, der dieses Wochenende davor stattfand. Dieses große Bedauern schlich sich ein, das sich schon in den letzten Wochen immer wieder zwischen ihren euphorischen Schüben gezeigt hatte. Bedauern darüber, alles erst so spät und mit solcher Vorsicht auszuleben, dass es schon mehr einem zarten Heben des Zeigefinders als einem schrillen Coming-out glich. Sie zupfte an ihrem engen Rock, wechselte das Spiel- zum Standbein. Drehte sich nicht um. Kein Blick zurück, das würde es leichter machen. In der großen Fensterscheibe spiegelte sich im Licht der Vormittagssonne ihr halbes Gesicht. Die getuschten Wimpern am linken Auge, das Rouge unterhalb der Backenknochen, der halbe rote Mund. Die andere Hälfte blieb im Glas verschwommen wie unter einer Wasseroberfläche, auf die ein Lichtstrahl trifft. Halb und halb. Ein Mensch und ein Engel, gepaart. Ein so hübscher Gedanke. Ein bisschen irdisch böse und himmlisch gut. Ein wenig wie Two Face aus den Batman-Comics – der Vergleich hätte ihrem Sohn besser gefallen. Comics und PC-Spiele, der einzige Zugang zu ihm, eine Gemeinsamkeit in den schwierigen Jahren der späten Pubertät. Sie grüßten sich und lebten unter einem Dach, vielmehr oft nicht. Sie schüttelte schnell den Kopf, die klare Hälfte in der Fensterspiegelung tat das Gleiche. Nur jetzt nicht daran denken. Leises Klack, Klack, Klack, und noch einmal, noch leiser Klack, Klack, Klack. Die Schritte hinter ihr kamen rhythmisch näher. Walzer könnte es sein oder besser Bolero, der klassische erotische Balztanz. Das Wort Erotik ließ Ebbi kurz zittern. Was für Träume sie gehabt hatte. Was für Pläne. Wie viele Stunden verloren in einer inneren Phantasiewelt, die ihr im realen Leben jetzt fehlten. Nicht ausgelebte Sehnsüchte direkt in den Sarg gelegt, statt der üblichen Blumen. Doch unfair, wenn sie es näher betrachtete. Unfair dem Rest des halben Lebens gegenüber, das ihr noch hätte bleiben können. Nein, die Entscheidung war gefallen. Alea iacta est. Ihre Würfel wohl auch. Straßenlärm drang von unten hoch, leise wogend wie die näher kommenden Schritte. Da unten kauften die Leute ein, begannen ihr Wochenende mit einem Bummel durch die Mittelstraße Richtung Fußgängerzone, trödelten sich durch die Stände, holten sich noch ein Duschgel oder ihren Lieblingsaufstrich beim DM an der Ecke, der eine aß vielleicht schon seine erste Currywurst, der andere trank einen Milchkaffee, dazu ein frisches Brötchen. Banal, alltäglich, ohne Verstellung, ohne Panik vor einer finalen Geheimnislüftung, oder manch einer doch beseelt von dem Wunsch danach. Bummeln, plaudern, flirten, shoppen – oh, der Herbst ist da, Liebes, ich brauche noch einen neuen Mantel für den Winter ... Es wird mir doch fehlen, die Banalität meines Alltagslebens, so schwierig es auch in den letzten Jahren war, dachte sie. Hinter ihr waren die Schritte zum Stillstand gekommen. Der Hauch eines Atems berührte sie am Nacken. Sie erwartete, ein zweites halbes Gesicht auf der Scheibe vor ihr auftauchen zu sehen, aber da war nur eine Bewegung im Schatten ihres Kopfes. Umdrehen, wegrennen, schreien. Der Überlebensinstinkt meldete sich, spontan, wuchtig. Ebbi schluckte – und schluckte ihn hinunter. Er blieb in ihrer Kehle stecken, und sie musste sich räuspern. »Hey.« »Auch ein Hey!« Die Stimme hinter ihr war sanft. Fast liebevoll. Im Gegenzug bohrte sich eine Faust in ihren Rücken, drückte gegen ihre Wirbelsäule. Sie schwankte nach vorn, ihr halbes Gesicht in der Scheibe tauchte in die Verschwommenheit des Sonnenstrahls ab, wurde zu einem reinen Engel aus Licht. Der Lärm von unten schien zuzunehmen, oder war das Rauschen in ihren Ohren nur die Angst vor dem, was kommen würde? Sie wusste es. Wusste es und war trotzdem gekommen. Das konnte nur Liebe sein. Ihr Schwanken wurde durch eine zweite, viel weichere Berührung an ihrem Oberarm gestoppt. Sie sah einen Moment hin. Handschuhe, natürlich. Schwarz und elegant. Es passte. »Knie dich hin, Kleines!« Kleines? Ein Lachen schoss spontan und schnell aus ihrem Mund, hallte in dem Raum, umrundete sie beide, hüllte sie ein. Jetzt wurde ihr Bedürfnis, sich doch noch umzudrehen, übermächtig. Umdrehen, den anderen in die Arme nehmen und tanzen. Schwingen auf dem Parkett, geführt werden, sich gehen und drehen lassen. Und am Ende vielleicht ein Kuss. Ein Kuss, nur um mit solchem Geschmack zu gehen und danke zu sagen. Oder konnte die Liebe alles noch stoppen, am Ende eine Begnadigung erwirken? Als hätte der Hintermann ihre Gedanken gelesen, ließ der Druck in ihrem unteren Rücken nach. Stattdessen streichelten Finger mit Stoff verhüllt über ihren Nacken, leicht wie eine Herbstbrise, bevor die Stürme des Winters kommen. Stoff über der Haut, glatt, etwas kühl, kein Leder, vielleicht Seide? Sie beugte den linken Fuß zuerst, schwankte wieder etwas in den ungewohnten Schuhen, musste sich mit der linken Hand abstützen am Boden, fühlte das Parkett an ihrer Handfläche, es war hart und glatt zugleich. Poliert. Sauber. Ihr rechtes Knie folgte, und der enge Rock rutschte nach oben, gab ihre Schenkel in den schwarzen Strümpfen frei. Hinter ihr hörte sie das Atmen schneller werden. Es ist doch ein Liebesakt, dachte sie wieder, es muss Liebe sein, denn nur Liebe ist fähig zu so einer Tat. Das nächste Geräusch war ein Wischen, dann klatschte etwas weich auf den Boden. Der Tanz konnte beginnen. Der Gedanke an das Sterben tat weh wie ein Stoß in den Rücken. Ihr Herz pumpte schneller, für den Bruchteil einer Sekunde war der Überlebenswille zurück, bäumte sich wieder auf. Nach all den Jahren sollte es ihr doch gestattet sein, endlich ihre wahre Natur zu genießen. Eine Stunde noch, einen Tag, vielleicht, wenn sie alle Brücken hinter sich abbrechen würde, ein Jahr. Dann konnte ihr geliebter Mörder immer noch seinen finalen Liebesbeweis an ihr vollbringen. Eins, zwei drei – eins, zwei, drei. Walzer, nein, Bolero. Erotik, und bitte, bitte, bitte Sex. Sex, den sie in Gedanken seit Jahrzehnten lebte, endlich, bitte endlich wirklich fühlen. Es war zu früh zum Sterben. Mörder. Hör mich an. Halt. Nicht hier, nicht heute, nicht dein »Kleines« töten. Ebbi hob den Blick und sah jetzt doch eine neue Spiegelung in der Scheibe. Zwei Arme, die nach oben gingen, eine elegante Bewegung, hoch und wieder schnell nach unten. Stopp! Schrie sie oder wollte sie schreien. Ihre Zehen verkrampften sich in den ungewohnt engen Schuhen, ihre Knie drückten sich gegen das Parkett, bereit, wieder zum Stehen zu kommen. Doch der Andere, der Schatten, der Mörder mit all seiner Liebe im Herzen war schneller. Vor ihren Augen huschte ein Streifen vorbei, eine Linie, ein braunes Stück Stoff oder Leder oder Schnur, um sich im nächsten Moment um ihren Hals, ihre Kehle zu legen und sich zusammenzuziehen. Der Schmerz kam. Ein Brennen, ein Stechen, ein heller Blitz an ihrem Kehlkopf. Damit hatte sie nicht gerechnet. Nicht mit dieser aufbrausenden körperlichen Qual, nicht mit solch einem irren Tanz. Endlich stemmten sich ihre Knie vom Boden hoch. Sie war groß, sie war stark, sie würde sich zur Wehr setzen können. Ihr Becken hob sich, ihr Bauch kam nach vorn. Ihre Arme fuchtelten nach oben und nach hinten, versuchten, den Würgenden zu fangen, zu greifen, abzustoppen. Im selben Augenblick zog der Mörder sie mit seinem Gewicht nach hinten, ihr gesamter Körper kam in eine schräge Lage, kippte, rutschte ab. Der Schmerz am Hals nahm zu, dimensionierte sich, war wie glühende Kohle auf nackter Haut. Hilfe! Das musste sie schreien. Hilfe und Polizei und rettet mich! Sie riss den Mund auf, zwang die Lippen auseinander, doch statt eines Wortes oder Tones war da nur ein Gurgeln, ein Krächzen, ein seltsamer außerirdischer Laut, der sich wie der hochfrequente Ton einer Hundepfeife anhörte, den nur sie allein hören konnte und der sich in ihre Ohren fraß und von dort weiter in ihren Kopf. Jetzt fiel sie. Ihr Körper konnte die Schräglage nicht halten, er rutschte nach hinten und unten, und ihr Gesäß knallte auf den Boden. Auch das ein Schmerz, aber schon dunkel, wie von fern. Irre Gier nach Luft erfasste sie. Sie musste jetzt atmen. ATMEN. Bitte, Hilfe und Luft und Atem und Rettung und Leben. Jetzt, da es zu Ende ging, bitte, Leben, nur einen Tag, eine Stunde, eine Sekunde länger noch. Ihre Finger hörten auf, nach dem Würgenden zu suchen, suchten stattdessen das Band, den Streifen, die Schnur um ihren Hals, wollten sich dazwischenquetschen, in eine Lücke zwischen Haut und Qual, doch sie fuchtelte nur wild in der Luft, schaffte es nicht, an die Stelle heranzukommen. Sie fühlte, wie sich ihr Kehlkopf nach innen drückte, ihr Hals wie in einem Mieder enger und enger geschnürt wurde. Ihr Mund öffnete sich wie von selbst weiter, sie merkte, wie ihre Zunge nach vorn getrieben wurde, spürte den Druck hinter ihren Augäpfeln. In ihrem Kopf entstand das Bild, das ein Außenstehender von ihr haben 6 musste, und Tränen, ob vom Würgen oder der erschreckenden Erkenntnis, schossen nur so aus ihren Augen, die immer noch das Fenster vor sich sahen, nichts spiegelte sich mehr darin. Kein Licht, kein Engel, nur blankes Glas. Da der Blick zur Hahnentorburg, ganz obenauf wehende Fahnen, die näher zu kommen schienen, eine Vergrößerung des sichtbaren Ausschnittes. Näher bis zum Fenster herein, nur um im selben Moment wegzuspringen und ganz klein zu werden unter einem Stück blauen Himmel. In ihrem Kopf tauchten Farben auf, Formen mit allen möglichen Winkeln, und wie im Rausch kamen mehr Bilder, innere jetzt, keine Rückschau auf ihr Leben, aber Bilder von ihrem letzten Blick in den Spiegel, bevor sie in diese leere Wohnung gekommen war, bereit für ihren letzten Tanz mit dem Tod. Hübsch hatte sie sich gefühlt, fremd, aber hübsch. Grob, aber doch auch auf eine seltsame Weise anziehend, ganz neu, und doch wie lange ersehnt, erwartet. Aus dem Ei geschlüpft. Sie hatte sich über die Taille gestrichen, da fehlte noch ein Mieder, das ihr Form geben würde, ihre Beine sahen besser aus als befürchtet im engen Rock und in den schwarzen Strümpfen, die hohen Schuhe machten sich bezahlt. Nur oben, da bei den Brüsten, hatte sie es nicht gewagt, hinzugreifen, hätte dort die Illusion zerstört, begnügte sich mit dem Schauen. Hatte die Verwandlung genossen. Sich die Lippen nachgezogen, das ungewohnt viele Haar geordnet. Ein scheues Lächeln probiert. Sie merkte, dass der Schmerz verebbte. Verblasste wie ihr Wunsch, doch weiter am Leben zu bleiben. Keine Zeit, keine Luft, kein Atem mehr. Ihr Kopf ging nach hinten, und jetzt konnte sie über sich eine Kontur sehen, eine Manifestation ihres Mörders, nicht mehr klar, aber Form und Rundungen. Tanz mit mir, sagte Ebbi. Oder dachte sie. Oder träumte sie, schon in die Arme von Schlafes Bruder gleitend. Klack, klack, klack. Eins, zwei drei. Walzer. Oh nein. Bolero.

~ 2 ~
»Wenn man bei der Polizei arbeitet, kennt man auch nicht wirklich Zeiten wie Wochenende oder Brückentage, nicht mal Feierabend, aber dafür bekommt man, vielleicht nicht jedes Mal, aber oft ...« Mein Magen knurrt. Oh du Schande, und das so laut, dass man es sicher noch bis an die Nachbartische hören kann. Schön, wir sitzen draußen. Es ist vielleicht einer der letzten schönen Septembervormittage. Alles also wunderbar, es ist Samstag, und das Café Rico am Rudolfplatz ist knallvoll. Wir haben die letzten zwei freien Plätze an der Ecke ergattert. Ich habe heute Morgen nur Wasser getrunken, damit mein Bauch nicht so über meine Jeans quillt, noch keinen Schluck Kaffee, und statt meinem Gegenüber zuzuhören, kann ich nur an Koffein und Kalorien denken. Mein Magen knurrt lauter. Die Bedienung nähert sich. Endlich. Gott sei Dank. Es ist unsere Bestellung. Her damit, aber flott. »So, hier Ihr Frühstück. Sorry, ganz schön viel los heute ... aber da bin ich. Alles in Ordnung. Ja?« Ja, eigentlich alles mehr als in Ordnung. Ja, ich sitze mit einem gut aussehenden Mann beim Brunch. Ja, die Sonne scheint, und dieser gutaussehende und auch ganz gut gebaute Mann hat mich heute Morgen bei der Begrüßung auf den Mund geküsst. Na ja, in Wahrheit konnte ich mich nicht entscheiden, welche Backe ich ihm hinhalten soll, und da sind seine Lippen auf meinen Lippen gelandet. Peinlicherweise hatte ich Lipgloss darauf und habe gesehen, wie er sich klammheimlich mit seinen Fingern die Lippen gerieben hat. Leo, Leo, das hast du mal wieder verbockt. Aber sonst alles, alles schön und wunderbar! Es ist Samstag, es scheint die Sonne, und der Mann ist noch hier. Sieht mir in die Augen und - »Oh mein Gott, das tut mir jetzt aber leid.« Die Kellnerin hat auf ihrem Tablett ein Kännchen Milch umgestoßen, das für den Nachbartisch bestimmt ist. Klar, die Milch rinnt über das Tablett und auf meine Brust, klar, ich habe mich entschlossen, heute die schwarze Jacke anzuziehen, auf der die weiße Milch gut rüberkommt. Ich könnte die Kellnerin spontan erwürgen. Nein, besser nicht, mir gegenüber sitzt ja Hauptkommissar Jakob Zimmer von der Kölner Mordkommission. Da würden schnell mal die Handschellen klicken. Ich sehe ihn vor mir, wie er mich mit seinen Handschellen an die Pfosten meines Bettes fesselt. Nackt. Oh mein Gott, Leo! Eine schnelle kleine Selbstohrfeige löst das Problem mit meiner erotischen Phantasie. Die Kellnerin sieht mich kurz an, als ob ich eine Außerirdische wäre. Jakob Zimmer grinst schief, er kennt das schon. »Kein Problem, so eine Milchtaufe ist mal was Neues«, sagt er, und die Kellnerin lacht, gibt mir eine Serviette. Ich lache auch, etwas unecht zwar, aber noch in angemessener Lautstärke. Alles ist wieder »normal«. Er hat mich gerettet. Mein Held. Gerettet hat mich Jakob tatsächlich. Nicht hier und jetzt vor dem skeptischen Blick der Kellnerin, sondern vor einem Mörder, der mir an den Kragen wollte. Warum muss ich gerade jetzt wieder mal daran denken? Hatte ich nicht eben das Gefühl, dass eigentlich alles in bester Butter ist? Ich meine, in bester Ordnung. Selbst in meinem eigenen Kopf muss ich mich korrigieren. Bescheuert. »... in den Herbstferien?« So, jetzt hat mein Ameisenhaufen von Gedanken wieder so viele kleine  Krabbeltierchen auf den Weg geschickt, dass ich keine Ahnung habe, wovon Jakob gerade redet. »Was?« Meinen fünfzehnjährigen Zwillingstöchtern predige ich immer, mit »Bitte?« nachzufragen, nur so viel dazu. »Luise und Nathalie, deine Töchter, werden sie die Herbstferien bei ihrem Vater verbringen?« Zwei Sachen schießen mir quasi gleichzeitig durch den Kopf. Eins: Hat Jakob das jetzt gefragt, weil er vielleicht in unserem nun schon fast ein halbes Jahr dauernden Flirt weitergehen und mit mir ein paar Tage wegfahren möchte? (Handschellen ... nackt ... Doppelbett am Kamin ... rein gedankliche Ohrfeige!) Zwei: Ich würde jetzt für einen großen ersten Schluck Milchkaffee und einen Bissen in dieses frische Croissant vor mir auf dem Tisch tatsächlich töten. Selbst vor dem Mann von der Kripo. Ich muss was in den Bauch kriegen. Jetzt! Ich entscheide mich für den Multitasking-Weg: Tasse anheben. Lächeln. Er lächelt zurück. Gott, seine Grübchen sind allerliebst. Allerliebst, was für ein Wort. Dafür würden mich jetzt meine Töchter killen. Pscht! Schluss mit Mord und/oder Todschlag. Nahtlos den ersten Schluck nehmen. Göttertrank! Herrlich. Nahtlos antworten. Kurz und schnell. Während ich das Croissant anhebe. »Ja, doch!« Und: hineinbeißen. Götterspeise! Mehr davon. »Die Zahnärztin mit dem Super-Biss!« Jakob hebt seinerseits seinen Latte Macchiato an und zwinkert mir zu. Seine blonden Haare stehen ihm wie immer zu Berge, und in seinen Augen schimmert es etwas erotisch. Gott, ich könnte ihn hier auf dem Tisch nehmen. Pscht! Schluss mit Sex- und/oder Wann-werden-Jakob-Zimmer-und-ichendlich-weitergehen-als-nur-Küssen-Gestammel. Ich verschlucke mich und muss husten. Heftig. Jakob klopft mir auf den Rücken. Von Multitasking und erotisch zu peinlich und banal in nicht mal drei Sekunden. »Wie läuft es in der Praxis?« Ich könnte ihn für den Themenwechsel küssen. Ohne Lipgloss. »Eigentlich super.« »Eigentlich?« »Nun ja, du weißt doch, wie oft mein Name und auch die Praxis in der Presse und im Internet in den letzten Monaten aufgetaucht sind.« »Aber das ist doch längst Schnee von gestern.« Im Netz bleibt alles für immer, würden meine Töchter ihm jetzt widersprechen. Obwohl das Interesse auch blitzschnell wieder abflauen kann. Fünfzehn Minuten Ruhm wären erträglich gewesen. Jakob fährt sich durchs Haar. Süß. Allerliebst. »Diese Nachrichten oder Posts kommen sicher nicht von der Polizei. Mein Team ist diskret.« Sein Team. Er spricht das immer so aus, als ob die drei seine Familie wären. Bei dem, was er zu tun hat, stimmt das sicher auch. In den Monaten, seit der Mörder der Pudding-Witwe Hedda Kernbach im Knast sitzt, habe ich es nur sieben Mal geschafft, mich wirklich mit dem Hauptkommissar meines Herzens zu verabreden. In der anderen Zeit hat er Fälle gelöst. Mit beachtlichem Erfolg, auch das ist in der Presse und im Internet nachzulesen. Hauptkommissar meines Herzens. Sieben Dates. Nix passiert. Meine Tochter Luise hat ihren ersten Freund schon nach vier Treffen geküsst. Und wer weiß, wie weit sie mit ihm bereits gegangen ist. Ich kann nicht fragen. Das würde sie ihrer Mutter ohnehin nie erzählen. Meine Nathalie ist viel mehr Kind als ihre Schwester, hat nur einen Schwarm in der Nachbarschaft, da läuft sicher noch überhaupt nichts. Wie unähnlich sich meine Zwillinge sind, nicht nur äußerlich. »Erde an Leo. Hallo.«
Oh, wieder zu viel gedacht. Kann ich das denn nicht wenigstens für ein paar Minuten lassen? »Entschuldige. Also, weißt du, die meisten neuen Patienten, die nur wegen des Medienrummels aufgetaucht sind, sind tatsächlich geblieben.« »Is doch super!« »Hier kommt mein eigentlich. Ich schaff das allein nicht mehr. Brauche zumindest einen neuen Zahnarzt, der mich unterstützt.« »Und was ist dabei das Problem?« Ich könnte Jakob jetzt sagen, dass ich es seit dem Ausscheiden von Dr. Frederic Lang nicht geschafft habe, einem anderen Zahnarzt zu vertrauen. Egal ob männlich oder weiblich. Bei allen Bewerbungsgesprächen sehe ich eine Spritze in der Hand vor mir, die aus einem weißen Kittel hervorragt. Spritze! Scheiße, das musste ja jetzt kommen. Dass ich an mein größtes Problem denke, meine Spritzenphobie. Ich, als Zahnärztin. Leocardia Huberta Kardiff, du bist einfach unrettbar verkorkst. Fehlt nur noch, dass ich hier einen Schweißausbruch bekomme oder mir schwindlig wird. »Ist das Gespräch mit mir so langweilig, dass du dich wegträumen musst?« Ich schüttle schnell den Kopf. Meine blonden Locken fliegen von rechts nach links. Jakob grinst mich an und hebt seine Tasse. »Auf uns! Leo!« Ich mag es, wie er die Kurzform meines Namens ausspricht. Noch nie hat er mich Leocardia genannt, das ist wunderbar. Dr. Kardiff, ja, das schon, damals bei dem Verhör, nein, der Befragung, als ich mich in die Ermittlungen um den Mord an der netten alten Hedda Kernbach eingemischt habe. Brrr, da läuft mir jetzt noch eine Gänsehaut über den Rücken Jetzt ist aber Schluss, Leo. »Dir auch ein Prost, Jakob!« Die Sonne scheint. Es ist Samstag. Ich habe frei. Ich bin frei. Mein Gegenüber ist ein gutaussehender Singlemann. Ich selbst gerade noch vierundvierzig. Im besten Alter einer erwachsenen Frau. Bitte, lieber Gott oder liebes Universum, lass mich vor meinem Fünfundvierzigsten Sex haben. Gleich heute. Na ja. Vielleicht heute. Wir stoßen mit unseren großen Kaffeetassen an. Der Milchschaum darin schwappt hin und her. Wir lächeln uns an. Meine Töchter sind heute bei ihrem Vater. Mein Haus leer. Später könnten wir zu mir. Hört sich zu gut an. »Oh mein Gott!« Ja, an den habe ich auch eben gedacht. Die Kellnerin ist zurück an unseren Tisch gekommen, ich habe sie gar nicht bemerkt. Sie hat zwei Gläser mit frisch gepresstem Orangensaft in der Hand, der hat bei unserem Frühstück für zwei noch gefehlt. Statt die Gläser an unserem Tisch abzustellen, steht sie da mit offenem Mund und erhobenem Kopf, sieht nach oben, über die Straße nach oben, zum Haus gegenüber vom Café Rico. »Oh mein Gott!« Noch einmal derselbe Satz, diesmal lauter. Fast ein Schrei. Eine zweite Gänsehaut huscht über meinen Rücken. In dem Moment fällt ein großer Brocken herunter. Ein Sack oder eine Puppe fällt wie vom Himmel herunter und kracht auf das Dach eines der geparkten Autos. Neben uns schreckt ein anderes Pärchen hoch. Synchron. Gegenüber bleiben die Passanten stehen. Eine Mutter mit einem kleinen Kind, keinen Meter von dem Auto und dem gefallenen Gegenstand entfernt, springt zurück, reißt das Kind mit nach hinten. Jetzt fängt die Kellnerin neben mir zu schreien an. Die Gläser mit dem Orangensaft fallen ihr aus der Hand, und in genau diesem Moment beginnt in meinem Kopf alles in Zeitlupe abzulaufen. Der Schrei dehnt sich. Die Gläser fallen. Das Pärchen neben mir springt hoch. Wieder in einer fließenden gemeinsamen Bewegung wie Synchronschwimmer. Die Passanten gegenüber erstarren. Die Mutter nimmt das Kind in ihren Arm, umschlingt es, hält ihre beiden Arme um seinen Kopf. Neben mir stellt Jakob die Kaffeetasse achtlos auf den Tisch, der Schaum schwappt über. Auch er springt hoch, der Sessel kippt halb nach hinten, fällt aber nicht um. Jakob macht eine Drehung weg von mir, macht ein paar große Schritte über die schmale Straße, ist an dem Auto, auf das der Sack, der Gegenstand, die Puppe gefallen ist. Nur, dass es weder das eine noch das andere noch das Dritte ist. Es ist ein Mensch. Ein Mensch ist aus einem der oberen Stockwerke gegenüber gesprungen. Oder gefallen. Ist auf das Auto gekracht. Jetzt schreit nicht mehr nur die Kellnerin. Die vielen Schreie lassen die Zeit wieder in ihrem normalen Tempo laufen, und um mich herum bricht Panik aus. Viele springen jetzt auf und hoch, ein paar laufen Jakob über die Straße hinterher. In dem Moment dreht sich Jakob um und winkt in meine Richtung. Er winkt nicht nur, er wedelt wild mit einer Hand, die andere ist an seinem Ohr, er hat sein Handy an seinem Ohr, er telefoniert. Hauptkommissar Jakob Zimmer telefoniert. Schlägt Alarm. Und winkt nach mir. Klar, ich bin Ärztin. Zahnärztin zwar, aber ich bin die, die jetzt gebraucht wird. Die erste Hilfe leisten kann und muss. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich es in den nächsten Sekunden vielleicht wieder mit einem Toten zu tun haben könnte. Nein, mit einer Toten. Ich kann langes Haar erkennen auf dem Kopf des Körpers, der seltsam verrenkt auf dem Dach des geparkten Autos gelandet ist. Einen Rock, hochhackige Schuhe an den Füßen, meinen eigenen High Heels nicht unähnlich. Komisch, dass die beim Fallen nicht von den Fersen gerutscht sind. Dann wird mein Blick auf das Szenario von all den Leuten verdeckt, die sich schon um den Unfallort zu sammeln beginnen. Ich sehe einen vor mir, der sein Smartphone hebt und fotografiert oder filmt. Ich stehe auf. Es ist Samstag. Mein siebentes Date mit Jakob. Die Sonne scheint. »Ich bin Ärztin, lassen Sie mich durch.« Wie laut und kompetent meine Stimme klingt. 



1 Kommentar:

  1. Herrlich, eine Zahnärztin mit Spritzenphobie. Aber gewiss nur, wenn sie selber eine bekommt. Ihre Patienten wird sie gnadenlos quälen. *grins*

    Ich wünsche dir ein wunderschönes erstes Adventswochenende.
    LG, Thea

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