Sonntag, 4. Juni 2017

Leseproben von Isabella Archan


*Anton zaubert wieder*
Band 3
aus der Willa Stark-Reihe


  • Taschenbuch: 300 Seiten
  • Verlag: CONTE-VERLAG (30. September 2016)


~ Leseprobe ~

~ 1 ~
Als er die Augen aufschlug, war es schon hell draußen und er konnte durch das gekippte Schlafzimmerfenster die Vögel zwitschern hören. Das war es, was er am Frühling liebte. Das Gezwitscher der Vögel. Frauen und Vögel…n. Anton lachte laut auf, das Geräusch erzeugte in dem fremden Schlafzimmer einen leichten Widerhall. Er stellte seine Ellbogen auf, hob den Kopf vom Kissen hoch und sah sich um. Groß war dieser Raum, die Wände hoch, sanierter Altbau. Sicher dieses Zimmer allein halb so groß wie seine gesamte Wohnung am Akazienweg, wenn auch dort sein Schrank den halben Platz im Wohnzimmer einnahm. Hier gab es weder Schrank noch Kommode, nur das Bett und auf einer Seite einen Schminktisch mit einem großen ovalen Spiegel. Bilder an den Wänden und eine Zimmerpalme, die bis zur Decke reichte. Eine Schiebetür ihm gegenüber, alles in Weiß gehalten, nur eine grüne Tagesdecke lag zerknautscht auf dem Boden. Seine Nachtgefährtin musste ihre Brötchen ziemlich gut verdienen oder hatte bei ihrer Scheidung ihren Ex-Kalle abgezogen. Er hatte all die Dinge, von denen sie erzählt hatte, nur noch bruchstückhaft im Kopf. Wo war die Frau? Anton erinnerte sich, wie ihr Pagenkopf beim Sex gewippt hatte, im Takt des Liebesspiels. Das Bild würde ihm bleiben, diese akkuraten Spitzen, die schaukelten, vor, zurück, immer schneller und schneller. Der Rest war jetzt bereits dabei, zu verblassen. Wie lange diesmal? Bis nach dem Frühstück, noch ein Treffen und eine Runde Sex später, ein Essen oder zwei? Ein Besuch im Kino schien schon unwahrscheinlich. Eine zärtliche Berührung zum Abschied? Oder zwei nette Zeilen einer SMS, das es heute nicht klappen würde, aber sie würden sich sicher bald wiedersehen, ganz klar ein Ende herauszulesen zwischen den Zeilen. Egal, dachte Anton, es ist, wie es ist, und diesmal sprach nur er in seinem Kopf, Tante Hedi hatte sich schon in der Nacht verabschiedet, bevor es zur Sache gegangen war. »Emmi?« Oh nein, das war falsch. Jetzt nichts Peinliches, Anton spürte seine Morgenlatte und wollte weder auf ein weiteres Pagenkopfgewippe noch auf Kaffee und vielleicht Rührei danach verzichten. Er schlug sich mit der Hand auf den Mund, dachte intensiv nach, musste aber trotzdem grinsen. Was war die Welt zwischen Mann und Frau manchmal komisch. »Anni?« So hieß sie. Anja, genannt Anni. Wenn sie sich beschweren sollte, konnte er immer noch steif und fest behaupten, sie hätte sich verhört. Apropos steif und fest. »Anni, Süße, ich bin wach?« Seine Laune war blendend, auch das Bedauern, nicht mit der jungen Blonden aus der Bar weggegangen zu sein, war verschwunden. Es gab diesen wunderbaren Frühlingsmorgen, das Licht, das Zwitschern der Vögel, dieses weiße Schlafzimmer und seine Lust nach mehr körperlicher Liebe. So sollte er öfter erwachen. »Anja, hey, Anni! Ich bin wach.« Anni kam nicht. Sie meldete sich auch nicht. Kein Laut drang aus einem der anderen Zimmer der Wohnung zu ihm. Anton dachte noch mal nach, ob sie ihm gestern Nacht vielleicht erzählt hatte, dass sie heute früh zu irgendeiner Arbeit musste, schließlich war es mitten in der Woche, und sie hatte ihn ausschlafen lassen. Dann würde es zwar kein Gewippe mehr geben, aber so, wie er die Wohnung in Erinnerung hatte, gab es eine Wohnküche mit einem gut bestückten Kühlschrank und einer teuren Kaffeemaschine. Koffein wollte er jetzt in Wahrheit mehr als Sex. Anton schob die Decke von seinem nackten Körper und schwang sich hoch. Er sah sich nach seiner Jeans, dem Hemd oder wenigstens der Unterwäsche um, aber außer der grünen Decke lag nichts am Boden. 
Sie hatten in der Wohnküche heftig geschmust, waren dann ins Wohnzimmer, also mussten seine Sachen dort liegen. Er streckte sich, gähnte herzhaft, sah an sich herunter, sein Penis hatte die Idee des Morgensex doch nicht aufgegeben. »Anni? Dein Anton braucht dich«, rief er noch mal laut, während ihm einfiel, dass sie ihn Toni genannt hatte, eine Abkürzung, die er heute Morgen etwas peinlich fand. Aber damit würde er gut leben können, bis er hier wieder herauskam. Anton, nicht Toni, öffnet die Schiebetür. Er kann sie sofort sehen. Sie sitzt der Schiebetür gegenüber auf dem Dreiersofa. Für eine Sekunde denkt er, dass sie noch am Leben ist und sich einen Scherz erlaubt hat, einen bösen Scherz. Sie ist nicht völlig nackt, trägt einen Morgenmantel, der grün ist wie die Tagesdecke drinnen. An einem ihrer Füße ist ein Pantoffel mit einem goldenen Puschel. Der andere Fuß ist unbedeckt. Die Farbe ihrer Zehennägel ist schwarz. Ihre Hände sind in den Taschen des Morgenmantels vergraben, als würden sie dort etwas suchen. Ihre Haltung ist aufrecht, nur ihr Kopf ist nach unten geneigt, ist auf den breiten Kragen des grünen Morgenmantels gesackt. Ihre dunklen Haare mit der einen roten Strähne hängen vor ihrem Gesicht, decken ihre Stirn, ihre Augen, ihren Ausdruck ab. Anton kann nicht sehen, ob die Augen offen oder geschlossen sind. Alles andere sieht Anton. Details, die sich einbrennen. Alles hätte seine Ordnung, ihre Füße, ihre Hände, ihr Kopf, auch noch der grüne Bademantel. Wäre da nicht ihre Mitte. Aus ihrer Mitte erhebt sich ein Stück Holz oder eine Stange oder eine Art Rolle. Erheben ist nicht die richtige Bezeichnung, nicht das richtige Wort. Herausstehen. Steht heraus, klingt besser. Steht ab, steht hoch, ragt wie ein grotesker neuer Körperteil aus ihrem Bauch. Seine Morgenlatte, das Teil, das bei ihm herausragt, erschlafft wie auf Knopfdruck. Sein Bedürfnis nach Kaffee oder Rührei oder überhaupt etwas, was er sich einverleiben könnte, löst sich in Luft auf. In die Luft, die er einsaugt vor Überraschung, vor Unglauben, vor Fassungslosigkeit. Anton macht einen Schritt nach vorn. Jetzt sieht er das Blut. Er schwankt, macht zwei Schritte zurück, seine Knie knicken ein, er setzt sich mit dem nackten Hintern auf das blanke glänzende Parkett. Sein Rücken berührt die weiße Schiebetür, das Holz fühlt sich warm an. Gerne würde er seine Augen schließen, aber es geht nicht. Nur ein Blinzeln und noch eines. Er zieht seine Knie hoch, schlingt seine Arme darum, legt sein Kinn darauf. Wie zusammengefaltet sitzt er an der Schiebetür und starrt auf das Szenario im Wohnzimmer. Auf dem Dreiersofa, die Frau im grünen Morgenmantel. Kopf nach unten, Haare vor dem Gesicht, Hände in den Taschen, Stange oder Röhre oder Stiel im Bauch. Blut hat sich am Ende dieser Stange gesammelt Blut ist um die Eintrittswunde herum geronnen, an der Stelle ist der grüne Morgenmantel dunkel geworden. Auch zwischen ihrem Schritt, der ihm heute Nacht noch Vergnügen bereitet hat, ist es dunkel, Blut oder Schatten, das kann Anton nicht genau erkennen. Seine Augen werden zu Schlitzen, er versucht zu sehen, wo das Teil eingedrungen ist, wo im Bauch es feststeckt. Der Morgenmantel springt auf Nabelhöhe leicht auf, da, genau da ist die Stelle. Er hört sich atmen, schwer und tief, er pumpt Luft, die er mehr als nur zum Atmen braucht, er braucht sie, um all das einzusaugen und wieder auszustoßen. Es könnte immer noch ein Scherz sein, denkt er, es könnte der schlechteste aller Karnevalsscherze sein, die er je erlebt hat, die es überhaupt je gegeben hat. Vielleicht wird die Frau gleich den Kopf heben, die Augen aufreißen und Alaaf rufen oder vielleicht auch nur Buh. Ihm fällt ein, dass es ja Frühling ist, der Karneval schon längst vorbei, auch den Karnevalsumzug haben die Jecken längst abgespult. 
Vielleicht ist es eine Art böses Schauspiel, das die Frau mit ihm aufführt, mit ihm vielleicht genauso wie mit jedem, mit dem sie je eine Nacht verbracht hat. Er kennt sie doch kaum, gestern in der Lichtung hat sie so viel geredet, aber nichts davon ist in seinem Kopf wirklich hängengeblieben. Nur das Wippen fällt ihm wieder ein und das Stöhnen von dieser Nacht. Ihr Stöhnen kann er in seinem Kopf hören. Anton ist jetzt der, der stöhnt, der am Boden hockt, kauert und die Minuten rinnen lässt. Er weiß nicht, was er tun soll. Plötzlich ist er klein, klein und hilflos. Diese fremde Frau auf dem Sofa könnte seine Mama sein, sie ist älter als er, war schon gestern älter als er, aber gestern hat er nichts Mütterliches in ihr gesehen. Überhaupt gehört diese Geschichte über Mama ins Reich der Legenden, der frühen Tage, als sein Leben an einem Abend kippte und nie mehr wieder ganz ins Lot kam. »Heute bist du ein erwachsener Mann, min Jung«, sagt laut und deutlich Tante Hedi, nicht in seinem Kopf, sondern hinter ihm. Anton dreht sich um, da sind das Schlafzimmer, das zerwühlte Bett, das gekippte Fenster, vor dem die Vögel zwitschern. Er dreht seinen Kopf wieder zurück, muss wieder die Frau ansehen, mit dem Teil im Bauch sehen, fühlt unter seinem nackten Hintern das Parkett, das sich wie das Türholz lauwarm anfühlt. Die Finger seiner Hände ballen sich zu Fäusten. Er keucht. Plötzlich, unvermutet, ist da eine Wut, die sich Bahn bricht, eine Wut, die hochschießt aus seinem Herzen, aus seinem Kopf, aus seinem Unterleib. Wut, die er immer empfindet, wenn er sich einer Sache ausgeliefert fühlt. Wut, so ohnmächtig und groß, wie seine Ohnmacht dieser Situation gegenüber ist. Es ist, als ob eine alte Wunde aufbricht, aus der der Eiter zu rinnen beginnt. Niemals wird er sie loswerden. Immer holt sie ihn ein. Diese Wut. Geboren aus einer Hilflosigkeit, die unendlich erscheint. Das ist nicht wahr, es entspricht nicht den Tatsachen deines Lebens, sagt Tante Hedi und sie spricht wieder in seinem Kopf, kein Kölsch, sondern klares Hochdeutsch, du bist schon lange nicht mehr hilflos und ich und der Onkel Richard, wir sind stolz auf dich, Anton. Ihre Worte beruhigen ihn zumindest so, dass er seine Augen endlich schließen kann. Später hatte Anton einen irren Traum. Jemand kam in die Wohnung, er hörte, wie die Eingangstür geöffnet wurde. Stimmen. Männlich, tief. Einer kam in das Wohnzimmer, ging mit schlurfenden Schritten, als ob er Pantoffeln tragen würde. Er umrundete das Sofa. Stockte in seiner Bewegung. Eine kleine Pause folgte. Dann ein leiser Schrei, als ob er gestolpert wäre oder sich angeschlagen hätte. »Alles in Ordnung?«, fragte ein anderer vom Flur her. Dann kam der andere zu dem ersten dazu. Der schrie auch, nur lauter und schriller. Sein Schrei klang, als wäre er mit dem Fuß in eine Bärenfalle getreten. Eine Weile geschah nichts. Im Traum öffnete Anton seine Augen wieder. Ja, zwei Männer waren anwesend. Einer der Männer kniete vor der toten Frau. Der andere hielt einen Telefonhörer in der Hand. Redete aufgeregt. Das Komische an dem Traum war, dass in all der Zeit keiner der beiden Männer ihn da sitzen sah, als sei er ein Geist aus einer anderen Zeit. Anton musste aus diesem irren Traum aufwachen, aufstehen, die Wohnung verlassen. Das alles hatte nichts mit ihm zu tun. Aber er konnte nicht. Blieb einfach nur da sitzen. Bewegungslos wie die Frau mit dem Teil in ihrem Bauch. Nur in einem unterschieden sie sich. Er atmete. Sie nicht. In nächsten Moment wurde er angefasst, an seinen Schultern gepackt, geschüttelt, angeschrien, hochgerissen. Da wusste er, dass er nicht träumte. Da wusste er, dass der wirkliche Albtraum erst begonnen hatte.

~ 2 ~
Sie war dreißig. Das ging völlig in Ordnung. Sie war dreißig und hatte eben einen Mordfall geklärt. Das fand sie richtig gut. Sie war dreißig und wieder zu Hause. Das war eine Katastrophe. Willa Stark saß im Stadtpark in Graz auf einer Bank und nippte an einem schwarzen Kaffee im Pappbecher. Vor ihr der künstlich angelegte Teich, in dem sich Enten und Schwäne tummelten, hinter ihr eine Wiese mit Maiglöckchen, die bereits aus dem Gras geschossen waren, an den Seiten links ein verliebtes knutschendes Pärchen, rechts eine Mutter mit Baby im Kinderwagen. Mehr Idylle war nicht möglich. Trotzdem hätte Willa heulen mögen oder kotzen oder beides zusammen. Eben war sie von einem Termin bei ihrem Vorgesetzten Markus Lamperl zurück. Sie hatte eine Extrabelobigung erhalten, weil sie eines der wichtigen Puzzleteile gefunden hatte, die zur Ergreifung des Kerzenlichtmörders geführt hatte. Der Kerzenlichtmord. Blöder Name. In den Medien waren solche Bezeichnungen üblich geworden. Geschah ein Verbrechen und wurden die Details bekannt, wurde eine prägnante Sache herausgefiltert und als Titelaushängeschild verbreitet. Davon lebte die Presse. Auch von einzelnen Personen, die sie aus der Menge der Ermittler herausfischte und entweder zu Versagern oder Helden abstempelte. Beides fand Willa deppert, und beides hatte sie bereits erlebt. Dieses Mal war sie taktisch klug vorgegangen und hatte allen Ruhm, auch den, der ihr tatsächlich gebührte, an den Herrn Chefinspektor Lamperl abgegeben. Mit einem einzigen Satz war sie den Presseleuten zuvorgekommen, hatte sie manipuliert und sich selbst aus der Schusslinie gebracht. Bevor ich etwas zur Ergreifung des Kerzenlichtmörders sagen möchte, muss ich mich bei Chefinspektor Lamperl bedanken, ohne den der Fall bis in alle Ewigkeit ungelöst geblieben wäre.« Ein wenig Dramatik, ein paar hochtrabende Wörter über eben jenen Lamperl, der schon während der Ermittlungen mit seiner Gier nach Öffentlichkeit unter der Kollegenschaft unangenehm aufgefallen war. In Wahrheit lag die Sache so, dass die Polizeibeamten, die den Mann suchten, der vor vier Wochen eine Frau nachts am Freiheitsplatz niedergestochen und ausgeraubt hatte, gemeinsam Stück für Stück die Fakten zusammengetragen hatten. Der Raubmord wäre nicht spektakulär aufgefallen, hätte der Mörder nicht um sein Opfer sieben Kerzen aufgestellt, angezündet und brennen lassen, bis die Frau von Nachtschwärmern entdeckt worden war. Rosie Jakorek war ihr Name gewesen. Die Nachtschwärmer hatten nach dem ersten Schock ihrer Entdeckung, noch bevor die Polizei eintraf, eine Handyaufnahme gemacht und direkt hochgeladen. Diese war einige Stunden später wieder gelöscht worden, und die Nachtschwärmer hatten ihrerseits eine Anzeige bekommen, aber im Internet kursierte sie bis heute und würde die nächsten Jahre immer mal auftauchen. Der Kerzenlichtmord war also geboren und täglich gab es Berichte, mal euphorisch und die Grazer Kripo lobend, mal der nächste Shitstorm über lahme Behörden und ihre unfähigen Beamten. Willa selbst hatte, nach ihrer Rückkehr aus Köln, ihre Arbeit mit einer inneren Gleichgültigkeit aufgenommen. Sie war als Übergangslösung in das Haus des Lebensgefährten ihrer Mutter gezogen, Klaus Kunst. Anna Stark wohnte ebenfalls seit kurzer Zeit dort, und Willa hatte sich unterm Dach einquartiert. Mit ihrem Kater Jimmy, der darüber genauso unglücklich zu sein schien wie sie. In den letzten Wochen hatte er sich einen Katzenschnupfen eingefangen, danach an der Pfote verletzt, und als drittes war er nicht mehr vom Apfelbaum im Garten heruntergekommen. Willa war gefährlich hoch geklettert, um ihn zu retten. Das Einzige, was dem Tier zu gefallen schien, waren die Streicheleinheiten von Klaus. Da schnurrte er, was das Zeug hielt, und machte sein Frauchen damit eifersüchtig und noch unglücklicher. Klaus Kunst, der Mann an Mutters Seite, gab sich Mühe, aber Willa wollte nicht mit ihm warm werden, obwohl sie ihm dankbar war, dass er sich um Anna kümmerte, sie augenscheinlich zu lieben schien. Eigentlich wollte Willa mit nichts hier warm werden. Da lag der Widerspruch in sich. Sie mochte Graz, sie mochte ihre Heimatstadt wirklich. In der ersten Woche ihrer Rückkehr war sie durch die Straßen gelaufen, auf den Schloßberg hoch, an der Mur entlang, hatte am Kaiser-Josef-Platz Gemüse eingekauft, frisch und direkt vom Bauern, war sogar mit alten Schulfreunden in die Oper gegangen, um sich Turandot anzusehen. Trotzdem war es, als gehörte sie nicht hierher. Nicht zu dieser Familie, nicht zu all den schönen Sehenswürdigkeiten hier, nicht zu Freunden und schon gar nicht zu den Kollegen. Willa war bei ihrer bemüht hochdeutschen Aussprache geblieben, was ihr unter den Kollegen schnell den bösen Spitznamen Pseudopiefke eingebrockt hatte. Sie ging auf kein Puntigamer Bier nach Feierabend mit, sie hatte den Betriebsausflug ihres Reviers geschwänzt. Der Chefinspektor Lamperl hatte sie schon zweimal zu sich bestellt und das waren keine Gespräche voll des Lobes gewesen. Erst, als sie den Kerzenlichtmörder enttarnt und mit den Kollegen zusammen verhaftet, dann ihr Statement vor der Heerschar an Journalisten abgegeben hatte, und Lamperl anstatt Willa die fünfzehn Minuten Ruhm abbekam, war ihr Chef aufgetaut und hatte sie heute zu sich bestellt. Schulterklopfen, ein Bussi auf’s Wangerl und ein freier Wunsch. »Alles, was ich für dich tun kann, Puppi«, hatte er jovial und zu distanzlos zu Willa gesagt. Schick’ mich zurück nach Köln, hätte Willa gerne vorgeschlagen, aber sie hatte nur ihren Kopf geschüttelt und ihrem Vorgesetzten bei der Verabschiedung die Hand hingestreckt. Das hatte nicht verhindert, dass er ihr noch ein feuchtes Busserl auf die Wange drückte. Dafür hätt’st eine Watschn verdient, du Gogger, dachte Willa, war aber viel zu traurig gewesen, um wirklich wütend auf den Mann zu werden. Sie trank einen weiteren Schluck von ihrem Pappbecherkaffee, der inzwischen kalt geworden war. Das Pärchen knutschte immer inniger, Willa beschloss, wenn die beiden Koitus auf der Parkbank vollziehen würden, würde sie ihre Dienstwaffe ziehen. Nicht ganz ernst gemeint, aber auch nicht völlig von der Hand zu weisen. Die Mutter mit dem Kinderwagen war indessen eingenickt, ihr Kopf hing auf ihrer Jacke, die Lippen waren geöffnet und ein kleiner Speichelfaden zog sich Richtung ihres Kinns. Sicher zu viele durchwachte Nächte. Willa nahm einen weiteren Schluck vom kalten Kaffee, der ja nach einer unbewiesenen Weisheit schön machen sollte. So war ihre Situation. Dreißig und Single. Dreißig und kinderlos. Dreißig und weit weg von Köln. Happy Birthday, Willa-Mausi-Mädel. So hatte sie früher ihr Onkel Willi genannt. Der Mann, der sie mit zehn zur Mördernichte, zum Verbrechergfrast in der Schule und in der Nachbarschaft hatte werden lassen, der mit seiner Tat die kleine Familie kaputt gemacht hatte. Seit dem Tag, als er seine Verlobte Heidi erschlug, hatte es im Leben seiner Nichte immer diese Traurigkeit, diese Wut und eine leere Stelle gegeben, eine Art Brunnen in ihrem Herzen, der tief war und sich immer neu mit schwarzem Wasser füllte. Wenn sie in der Stadt unterwegs war, erfasste sie oft eine Angst, eine Befürchtung, dass sie ihm einmal direkt in die Arme laufen könnte, vielleicht wollte sie deswegen fast tausend Kilometer weit weg sein. Willa war sich jedenfalls sicher, dass sie so leidenschaftlich Verbrecher jagte, weil sie dem einen, der seine Strafe schon längst abgesessen hatte, nie verzeihen konnte. Vielleicht dumm und stur, aber so war sie. Kruzifix noch mal! Der Kerzenlichtmörder hatte ebenfalls eine Frau getötet. Seinen Knackpunkt hatte sie gefunden. Ihre Kollegen hatten entweder auf einen Raubmord getippt, der schiefgegangen sein konnte, oder versucht, der Zahl sieben eine Bedeutung zuzuordnen. Willa dachte anders. Sie war der Idee gefolgt, dass der Mörder nach seiner Tat eine Art Andacht hatte abhalten wollen, wie es nach Unfällen oft Kerzen am Ort des Geschehens gab. Er tötet und er bereut in derselben Stunde. Sie hatte sich durch Rosie Jakoreks Leben gegraben, bis sie auf einen Streit zwischen Rosie und einem Stiefbruder stieß. Ein direkter Treffer, ein Fingerabdruck an einer der Kerzen überführte ihn. Die Auseinandersetzung war um das Familiengrab gegangen, darum, wer den letzten Platz darin einnehmen würde. Der Raub diente der Ablenkung. Eine verworrene Familiengeschichte mit einem absurden Motiv. Jetzt saß sie hier. Fall gelöst. Sehnsucht immer noch da. Zeit, zu ihrer Dienststelle zurückzugehen. Sie sah auf ihr Handy. Als es in dem Moment seine Reihe ansteigender Töne von sich zu geben begann, erschrak sie und hätte es fast fallen lassen. Eine unbekannte Nummer. »Willa is’ hier.« »Spreche ich mit Frau Stark?« Die Stimme klang glatt und in Eile. Willa tippte auf einen der Journalisten, der weiter mit ihr reden wollte, oder einen aus der Polizeiverwaltung, der noch Fragen zu ihrem Abschlussbericht hatte, den sie heute morgen erst verfasst hatte. »Ja, Willa Stark.« »Friedrich Buchsleben mein Name. Ich rufe aus der Wiener Polizeiverwaltung an. Ich koordiniere die Zusammenarbeit zwischen Amtsstellen im deutschsprachigen Raum.« »Okay …« Willa überlegte. Vielleicht hatte der Anruf mit Chefinspektor Markus Lamperl zu tun, der gebürtig aus Wien stammte. »Ich komme gleich auf den Punkt, Inspektorin Stark.« Willa meinte ein Klicken im Hintergrund zu hören, der Mann tippte anscheinend etwas in seinen Computer. »Ich bearbeite eine Anfrage zu Ihrer Person wegen einer kurzfristigen Beratertätigkeit im europäischen Ausland.« »Ach ja?« Sie wünschte sich sehnlichst zurück nach Köln, aber Ausland schloss vieles mit ein. Wer würde sonst nach ihr fragen? Rom? Amsterdam? Oder sogar Moskau? Quatsch, wer würde sie in einer dieser Städte schon brauchen? 
Außerdem konnte sie Jimmy nicht allein bei Klaus und Anna lassen. Sonst würde sich der Kater zu sehr an den Lebensgefährten der Mutter gewöhnen. »Um welche Stadt oder welches Land handelt es sich denn? Für wie lang? Welche Behörde? Welcher Fall?« Am anderen Ende der Leitung lachte Friedrich Buchsleben. Es klang eher formell als wirklich belustigt. »Wenn Sie mich zu Wort kommen ließen, könnte ich Ihnen gleich mehr erzählen, Inspektorin Stark. Ich sehe gerade, dass Sie heute Geburtstag haben. Gratulation. Dann ist es Ihnen vielleicht lieber, wenn ich mich morgen noch mal melde?« Willa winkte heftig mit ihrer freien Hand ab, als ob sie der Anrufer sehen konnte. Die Enten am Teich begannen laut zu quaken, was zur Folge hatte, dass sich eine ganze Gruppe von ihnen lautstark erhob. Das Pärchen unterbrach sein Geschmuse, die junge Frau mit dem Kinderwagen wachte aus ihrem Nickerchen auf. »Nein, nicht! Der Geburtstag is’ wurscht. Reden Sie!« Willa hielt sich das andere Ohr zu, der Lärm der verschreckten Vögel war riesig. »Die Kriminalpolizei in Köln ist es, Inspektorin Stark. Wieder Deutschland. Diesmal allerdings läuft die Sache nicht über Europol.« Plötzlich schien sich der ganze Stadtpark vor Willa aufzulösen. Das konnte nur ein Missverständnis sein. Ihr Körper bewegte sich wie von selbst. Sie stand auf und der Pappbecher kippte um. Der Rest der schwarzen Brühe machte eine Pfütze auf der Sitzfläche der Parkbank. Willa registrierte es überhaupt nicht. »Hallo? Hallo? Ich kann Sie grad so schlecht hören. Haben Sie echt Köln gesagt?« Es knackte in der Leitung und die Verbindung war unterbrochen. Willa fluchte laut ein kräftiges »Scheiße« und »I glaub’, i bring gleich an um«, was ihr einen bösen Blick der jungen Mutter einbrachte, die sich über den Kinderwagen beugte, als könne das Baby alles verstehen. Das Pärchen nahm sein Geschmuse wieder auf. Für die beiden war auch ein deftiger Fluch uninteressant. 
 Willa ließ sich wieder zurück auf die Bank fallen, setzte sich in die Kaffeepfütze, merkte es nicht. Köln. Sie hatte doch richtig verstanden. War es Marielle? Oder ihr ehemaliger Mentor, Clemens Wächter? Vielleicht einer ihrer anderen Kollegen von dort? Aber die hatten alle nicht die Befugnis, sie zu einer Beratertätigkeit einzuladen. Der liebe Harro hatte vielleicht einen Weg gefunden. Der Rechtsmediziner wusste, wie sehr sich Willa nach der Stadt am Rhein sehnte. Harro deNärtens wusste jedoch nichts von einem anderen Geheimnis, das Willa nur Jimmy erzählt hatte, denn der Kater würde es nie jemanden verraten können: Inspektorin Willa Stark hatte ihre Zweizimmerwohnung in Köln, im Stadtteil Neuehrenfeld, behalten. Sie zahlte seit Monaten die Miete weiter und hatte sich bis heute nicht dazu durchringen können, den Vertrag aufzulösen. Die Nachbarn gossen die Blumentöpfe im kleinen Innenhof und schickten ihr die Post nach. Dem Vermieter war ihre lange Abwesenheit noch nicht mal aufgefallen. Es musste Peter Kraus sein! Oder eine andere Abteilung? Völlig egal, Willa würde auch mit neuen Kollegen klarkommen, sicher alles besser als die momentane Lage. War ein erneuter Wechsel so schnell überhaupt möglich? Was würden die Kollegen hier und der Chefinspektor Lamperl sagen? Darauf geschissen. Markus Lamperl schuldete ihr ohnehin einen Gefallen. Jetzt wusste sie,  was sie von ihm einfordern wollte. K-Ö-L-N. Ihre Finger zitterten, als sie auf die Rückruftaste drückte.


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* Auch Killer haben Karies *
Band 2
aus der Dr. Leocardia Kardiff



  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Emons Verlag (23. März 2017)



~ Leseprobe ~


 Ebbi liebte ihren Mörder. In der leeren Wohnung hatte sie ihn schon hören können, obwohl er sich bemühte, leise auf dem Parkett aufzutreten. Tanzen hätte man hier drinnen können, dachte sie, in diesem großen Raum, noch jungfräulich ohne Möbel, mit Blick auf den Rudolfplatz, das Getümmel da unten an der Haltestelle neben der Hahnentorburg und auf dem kleinen Trödelmarkt, der dieses Wochenende davor stattfand. Dieses große Bedauern schlich sich ein, das sich schon in den letzten Wochen immer wieder zwischen ihren euphorischen Schüben gezeigt hatte. Bedauern darüber, alles erst so spät und mit solcher Vorsicht auszuleben, dass es schon mehr einem zarten Heben des Zeigefinders als einem schrillen Coming-out glich. Sie zupfte an ihrem engen Rock, wechselte das Spiel- zum Standbein. Drehte sich nicht um. Kein Blick zurück, das würde es leichter machen. In der großen Fensterscheibe spiegelte sich im Licht der Vormittagssonne ihr halbes Gesicht. Die getuschten Wimpern am linken Auge, das Rouge unterhalb der Backenknochen, der halbe rote Mund. Die andere Hälfte blieb im Glas verschwommen wie unter einer Wasseroberfläche, auf die ein Lichtstrahl trifft. Halb und halb. Ein Mensch und ein Engel, gepaart. Ein so hübscher Gedanke. Ein bisschen irdisch böse und himmlisch gut. Ein wenig wie Two Face aus den Batman-Comics – der Vergleich hätte ihrem Sohn besser gefallen. Comics und PC-Spiele, der einzige Zugang zu ihm, eine Gemeinsamkeit in den schwierigen Jahren der späten Pubertät. Sie grüßten sich und lebten unter einem Dach, vielmehr oft nicht. Sie schüttelte schnell den Kopf, die klare Hälfte in der Fensterspiegelung tat das Gleiche. Nur jetzt nicht daran denken. Leises Klack, Klack, Klack, und noch einmal, noch leiser Klack, Klack, Klack. Die Schritte hinter ihr kamen rhythmisch näher. Walzer könnte es sein oder besser Bolero, der klassische erotische Balztanz. Das Wort Erotik ließ Ebbi kurz zittern. Was für Träume sie gehabt hatte. Was für Pläne. Wie viele Stunden verloren in einer inneren Phantasiewelt, die ihr im realen Leben jetzt fehlten. Nicht ausgelebte Sehnsüchte direkt in den Sarg gelegt, statt der üblichen Blumen. Doch unfair, wenn sie es näher betrachtete. Unfair dem Rest des halben Lebens gegenüber, das ihr noch hätte bleiben können. Nein, die Entscheidung war gefallen. Alea iacta est. Ihre Würfel wohl auch. Straßenlärm drang von unten hoch, leise wogend wie die näher kommenden Schritte. Da unten kauften die Leute ein, begannen ihr Wochenende mit einem Bummel durch die Mittelstraße Richtung Fußgängerzone, trödelten sich durch die Stände, holten sich noch ein Duschgel oder ihren Lieblingsaufstrich beim DM an der Ecke, der eine aß vielleicht schon seine erste Currywurst, der andere trank einen Milchkaffee, dazu ein frisches Brötchen. Banal, alltäglich, ohne Verstellung, ohne Panik vor einer finalen Geheimnislüftung, oder manch einer doch beseelt von dem Wunsch danach. Bummeln, plaudern, flirten, shoppen – oh, der Herbst ist da, Liebes, ich brauche noch einen neuen Mantel für den Winter ... Es wird mir doch fehlen, die Banalität meines Alltagslebens, so schwierig es auch in den letzten Jahren war, dachte sie. Hinter ihr waren die Schritte zum Stillstand gekommen. Der Hauch eines Atems berührte sie am Nacken. Sie erwartete, ein zweites halbes Gesicht auf der Scheibe vor ihr auftauchen zu sehen, aber da war nur eine Bewegung im Schatten ihres Kopfes. Umdrehen, wegrennen, schreien. Der Überlebensinstinkt meldete sich, spontan, wuchtig. Ebbi schluckte – und schluckte ihn hinunter. Er blieb in ihrer Kehle stecken, und sie musste sich räuspern. »Hey.« »Auch ein Hey!« Die Stimme hinter ihr war sanft. Fast liebevoll. Im Gegenzug bohrte sich eine Faust in ihren Rücken, drückte gegen ihre Wirbelsäule. Sie schwankte nach vorn, ihr halbes Gesicht in der Scheibe tauchte in die Verschwommenheit des Sonnenstrahls ab, wurde zu einem reinen Engel aus Licht. Der Lärm von unten schien zuzunehmen, oder war das Rauschen in ihren Ohren nur die Angst vor dem, was kommen würde? Sie wusste es. Wusste es und war trotzdem gekommen. Das konnte nur Liebe sein. Ihr Schwanken wurde durch eine zweite, viel weichere Berührung an ihrem Oberarm gestoppt. Sie sah einen Moment hin. Handschuhe, natürlich. Schwarz und elegant. Es passte. »Knie dich hin, Kleines!« Kleines? Ein Lachen schoss spontan und schnell aus ihrem Mund, hallte in dem Raum, umrundete sie beide, hüllte sie ein. Jetzt wurde ihr Bedürfnis, sich doch noch umzudrehen, übermächtig. Umdrehen, den anderen in die Arme nehmen und tanzen. Schwingen auf dem Parkett, geführt werden, sich gehen und drehen lassen. Und am Ende vielleicht ein Kuss. Ein Kuss, nur um mit solchem Geschmack zu gehen und danke zu sagen. Oder konnte die Liebe alles noch stoppen, am Ende eine Begnadigung erwirken? Als hätte der Hintermann ihre Gedanken gelesen, ließ der Druck in ihrem unteren Rücken nach. Stattdessen streichelten Finger mit Stoff verhüllt über ihren Nacken, leicht wie eine Herbstbrise, bevor die Stürme des Winters kommen. Stoff über der Haut, glatt, etwas kühl, kein Leder, vielleicht Seide? Sie beugte den linken Fuß zuerst, schwankte wieder etwas in den ungewohnten Schuhen, musste sich mit der linken Hand abstützen am Boden, fühlte das Parkett an ihrer Handfläche, es war hart und glatt zugleich. Poliert. Sauber. Ihr rechtes Knie folgte, und der enge Rock rutschte nach oben, gab ihre Schenkel in den schwarzen Strümpfen frei. Hinter ihr hörte sie das Atmen schneller werden. Es ist doch ein Liebesakt, dachte sie wieder, es muss Liebe sein, denn nur Liebe ist fähig zu so einer Tat. Das nächste Geräusch war ein Wischen, dann klatschte etwas weich auf den Boden. Der Tanz konnte beginnen. Der Gedanke an das Sterben tat weh wie ein Stoß in den Rücken. Ihr Herz pumpte schneller, für den Bruchteil einer Sekunde war der Überlebenswille zurück, bäumte sich wieder auf. Nach all den Jahren sollte es ihr doch gestattet sein, endlich ihre wahre Natur zu genießen. Eine Stunde noch, einen Tag, vielleicht, wenn sie alle Brücken hinter sich abbrechen würde, ein Jahr. Dann konnte ihr geliebter Mörder immer noch seinen finalen Liebesbeweis an ihr vollbringen. Eins, zwei drei – eins, zwei, drei. Walzer, nein, Bolero. Erotik, und bitte, bitte, bitte Sex. Sex, den sie in Gedanken seit Jahrzehnten lebte, endlich, bitte endlich wirklich fühlen. Es war zu früh zum Sterben. Mörder. Hör mich an. Halt. Nicht hier, nicht heute, nicht dein »Kleines« töten. Ebbi hob den Blick und sah jetzt doch eine neue Spiegelung in der Scheibe. Zwei Arme, die nach oben gingen, eine elegante Bewegung, hoch und wieder schnell nach unten. Stopp! Schrie sie oder wollte sie schreien. Ihre Zehen verkrampften sich in den ungewohnt engen Schuhen, ihre Knie drückten sich gegen das Parkett, bereit, wieder zum Stehen zu kommen. Doch der Andere, der Schatten, der Mörder mit all seiner Liebe im Herzen war schneller. Vor ihren Augen huschte ein Streifen vorbei, eine Linie, ein braunes Stück Stoff oder Leder oder Schnur, um sich im nächsten Moment um ihren Hals, ihre Kehle zu legen und sich zusammenzuziehen. Der Schmerz kam. Ein Brennen, ein Stechen, ein heller Blitz an ihrem Kehlkopf. Damit hatte sie nicht gerechnet. Nicht mit dieser aufbrausenden körperlichen Qual, nicht mit solch einem irren Tanz. Endlich stemmten sich ihre Knie vom Boden hoch. Sie war groß, sie war stark, sie würde sich zur Wehr setzen können. Ihr Becken hob sich, ihr Bauch kam nach vorn. Ihre Arme fuchtelten nach oben und nach hinten, versuchten, den Würgenden zu fangen, zu greifen, abzustoppen. Im selben Augenblick zog der Mörder sie mit seinem Gewicht nach hinten, ihr gesamter Körper kam in eine schräge Lage, kippte, rutschte ab. Der Schmerz am Hals nahm zu, dimensionierte sich, war wie glühende Kohle auf nackter Haut. Hilfe! Das musste sie schreien. Hilfe und Polizei und rettet mich! Sie riss den Mund auf, zwang die Lippen auseinander, doch statt eines Wortes oder Tones war da nur ein Gurgeln, ein Krächzen, ein seltsamer außerirdischer Laut, der sich wie der hochfrequente Ton einer Hundepfeife anhörte, den nur sie allein hören konnte und der sich in ihre Ohren fraß und von dort weiter in ihren Kopf. Jetzt fiel sie. Ihr Körper konnte die Schräglage nicht halten, er rutschte nach hinten und unten, und ihr Gesäß knallte auf den Boden. Auch das ein Schmerz, aber schon dunkel, wie von fern. Irre Gier nach Luft erfasste sie. Sie musste jetzt atmen. ATMEN. Bitte, Hilfe und Luft und Atem und Rettung und Leben. Jetzt, da es zu Ende ging, bitte, Leben, nur einen Tag, eine Stunde, eine Sekunde länger noch. Ihre Finger hörten auf, nach dem Würgenden zu suchen, suchten stattdessen das Band, den Streifen, die Schnur um ihren Hals, wollten sich dazwischenquetschen, in eine Lücke zwischen Haut und Qual, doch sie fuchtelte nur wild in der Luft, schaffte es nicht, an die Stelle heranzukommen. Sie fühlte, wie sich ihr Kehlkopf nach innen drückte, ihr Hals wie in einem Mieder enger und enger geschnürt wurde. Ihr Mund öffnete sich wie von selbst weiter, sie merkte, wie ihre Zunge nach vorn getrieben wurde, spürte den Druck hinter ihren Augäpfeln. In ihrem Kopf entstand das Bild, das ein Außenstehender von ihr haben 6 musste, und Tränen, ob vom Würgen oder der erschreckenden Erkenntnis, schossen nur so aus ihren Augen, die immer noch das Fenster vor sich sahen, nichts spiegelte sich mehr darin. Kein Licht, kein Engel, nur blankes Glas. Da der Blick zur Hahnentorburg, ganz obenauf wehende Fahnen, die näher zu kommen schienen, eine Vergrößerung des sichtbaren Ausschnittes. Näher bis zum Fenster herein, nur um im selben Moment wegzuspringen und ganz klein zu werden unter einem Stück blauen Himmel. In ihrem Kopf tauchten Farben auf, Formen mit allen möglichen Winkeln, und wie im Rausch kamen mehr Bilder, innere jetzt, keine Rückschau auf ihr Leben, aber Bilder von ihrem letzten Blick in den Spiegel, bevor sie in diese leere Wohnung gekommen war, bereit für ihren letzten Tanz mit dem Tod. Hübsch hatte sie sich gefühlt, fremd, aber hübsch. Grob, aber doch auch auf eine seltsame Weise anziehend, ganz neu, und doch wie lange ersehnt, erwartet. Aus dem Ei geschlüpft. Sie hatte sich über die Taille gestrichen, da fehlte noch ein Mieder, das ihr Form geben würde, ihre Beine sahen besser aus als befürchtet im engen Rock und in den schwarzen Strümpfen, die hohen Schuhe machten sich bezahlt. Nur oben, da bei den Brüsten, hatte sie es nicht gewagt, hinzugreifen, hätte dort die Illusion zerstört, begnügte sich mit dem Schauen. Hatte die Verwandlung genossen. Sich die Lippen nachgezogen, das ungewohnt viele Haar geordnet. Ein scheues Lächeln probiert. Sie merkte, dass der Schmerz verebbte. Verblasste wie ihr Wunsch, doch weiter am Leben zu bleiben. Keine Zeit, keine Luft, kein Atem mehr. Ihr Kopf ging nach hinten, und jetzt konnte sie über sich eine Kontur sehen, eine Manifestation ihres Mörders, nicht mehr klar, aber Form und Rundungen. Tanz mit mir, sagte Ebbi. Oder dachte sie. Oder träumte sie, schon in die Arme von Schlafes Bruder gleitend. Klack, klack, klack. Eins, zwei drei. Walzer. Oh nein. Bolero.

~ 2 ~
»Wenn man bei der Polizei arbeitet, kennt man auch nicht wirklich Zeiten wie Wochenende oder Brückentage, nicht mal Feierabend, aber dafür bekommt man, vielleicht nicht jedes Mal, aber oft ...« Mein Magen knurrt. Oh du Schande, und das so laut, dass man es sicher noch bis an die Nachbartische hören kann. Schön, wir sitzen draußen. Es ist vielleicht einer der letzten schönen Septembervormittage. Alles also wunderbar, es ist Samstag, und das Café Rico am Rudolfplatz ist knallvoll. Wir haben die letzten zwei freien Plätze an der Ecke ergattert. Ich habe heute Morgen nur Wasser getrunken, damit mein Bauch nicht so über meine Jeans quillt, noch keinen Schluck Kaffee, und statt meinem Gegenüber zuzuhören, kann ich nur an Koffein und Kalorien denken. Mein Magen knurrt lauter. Die Bedienung nähert sich. Endlich. Gott sei Dank. Es ist unsere Bestellung. Her damit, aber flott. »So, hier Ihr Frühstück. Sorry, ganz schön viel los heute ... aber da bin ich. Alles in Ordnung. Ja?« Ja, eigentlich alles mehr als in Ordnung. Ja, ich sitze mit einem gut aussehenden Mann beim Brunch. Ja, die Sonne scheint, und dieser gutaussehende und auch ganz gut gebaute Mann hat mich heute Morgen bei der Begrüßung auf den Mund geküsst. Na ja, in Wahrheit konnte ich mich nicht entscheiden, welche Backe ich ihm hinhalten soll, und da sind seine Lippen auf meinen Lippen gelandet. Peinlicherweise hatte ich Lipgloss darauf und habe gesehen, wie er sich klammheimlich mit seinen Fingern die Lippen gerieben hat. Leo, Leo, das hast du mal wieder verbockt. Aber sonst alles, alles schön und wunderbar! Es ist Samstag, es scheint die Sonne, und der Mann ist noch hier. Sieht mir in die Augen und - »Oh mein Gott, das tut mir jetzt aber leid.« Die Kellnerin hat auf ihrem Tablett ein Kännchen Milch umgestoßen, das für den Nachbartisch bestimmt ist. Klar, die Milch rinnt über das Tablett und auf meine Brust, klar, ich habe mich entschlossen, heute die schwarze Jacke anzuziehen, auf der die weiße Milch gut rüberkommt. Ich könnte die Kellnerin spontan erwürgen. Nein, besser nicht, mir gegenüber sitzt ja Hauptkommissar Jakob Zimmer von der Kölner Mordkommission. Da würden schnell mal die Handschellen klicken. Ich sehe ihn vor mir, wie er mich mit seinen Handschellen an die Pfosten meines Bettes fesselt. Nackt. Oh mein Gott, Leo! Eine schnelle kleine Selbstohrfeige löst das Problem mit meiner erotischen Phantasie. Die Kellnerin sieht mich kurz an, als ob ich eine Außerirdische wäre. Jakob Zimmer grinst schief, er kennt das schon. »Kein Problem, so eine Milchtaufe ist mal was Neues«, sagt er, und die Kellnerin lacht, gibt mir eine Serviette. Ich lache auch, etwas unecht zwar, aber noch in angemessener Lautstärke. Alles ist wieder »normal«. Er hat mich gerettet. Mein Held. Gerettet hat mich Jakob tatsächlich. Nicht hier und jetzt vor dem skeptischen Blick der Kellnerin, sondern vor einem Mörder, der mir an den Kragen wollte. Warum muss ich gerade jetzt wieder mal daran denken? Hatte ich nicht eben das Gefühl, dass eigentlich alles in bester Butter ist? Ich meine, in bester Ordnung. Selbst in meinem eigenen Kopf muss ich mich korrigieren. Bescheuert. »... in den Herbstferien?« So, jetzt hat mein Ameisenhaufen von Gedanken wieder so viele kleine  Krabbeltierchen auf den Weg geschickt, dass ich keine Ahnung habe, wovon Jakob gerade redet. »Was?« Meinen fünfzehnjährigen Zwillingstöchtern predige ich immer, mit »Bitte?« nachzufragen, nur so viel dazu. »Luise und Nathalie, deine Töchter, werden sie die Herbstferien bei ihrem Vater verbringen?« Zwei Sachen schießen mir quasi gleichzeitig durch den Kopf. Eins: Hat Jakob das jetzt gefragt, weil er vielleicht in unserem nun schon fast ein halbes Jahr dauernden Flirt weitergehen und mit mir ein paar Tage wegfahren möchte? (Handschellen ... nackt ... Doppelbett am Kamin ... rein gedankliche Ohrfeige!) Zwei: Ich würde jetzt für einen großen ersten Schluck Milchkaffee und einen Bissen in dieses frische Croissant vor mir auf dem Tisch tatsächlich töten. Selbst vor dem Mann von der Kripo. Ich muss was in den Bauch kriegen. Jetzt! Ich entscheide mich für den Multitasking-Weg: Tasse anheben. Lächeln. Er lächelt zurück. Gott, seine Grübchen sind allerliebst. Allerliebst, was für ein Wort. Dafür würden mich jetzt meine Töchter killen. Pscht! Schluss mit Mord und/oder Todschlag. Nahtlos den ersten Schluck nehmen. Göttertrank! Herrlich. Nahtlos antworten. Kurz und schnell. Während ich das Croissant anhebe. »Ja, doch!« Und: hineinbeißen. Götterspeise! Mehr davon. »Die Zahnärztin mit dem Super-Biss!« Jakob hebt seinerseits seinen Latte Macchiato an und zwinkert mir zu. Seine blonden Haare stehen ihm wie immer zu Berge, und in seinen Augen schimmert es etwas erotisch. Gott, ich könnte ihn hier auf dem Tisch nehmen. Pscht! Schluss mit Sex- und/oder Wann-werden-Jakob-Zimmer-und-ichendlich-weitergehen-als-nur-Küssen-Gestammel. Ich verschlucke mich und muss husten. Heftig. Jakob klopft mir auf den Rücken. Von Multitasking und erotisch zu peinlich und banal in nicht mal drei Sekunden. »Wie läuft es in der Praxis?« Ich könnte ihn für den Themenwechsel küssen. Ohne Lipgloss. »Eigentlich super.« »Eigentlich?« »Nun ja, du weißt doch, wie oft mein Name und auch die Praxis in der Presse und im Internet in den letzten Monaten aufgetaucht sind.« »Aber das ist doch längst Schnee von gestern.« Im Netz bleibt alles für immer, würden meine Töchter ihm jetzt widersprechen. Obwohl das Interesse auch blitzschnell wieder abflauen kann. Fünfzehn Minuten Ruhm wären erträglich gewesen. Jakob fährt sich durchs Haar. Süß. Allerliebst. »Diese Nachrichten oder Posts kommen sicher nicht von der Polizei. Mein Team ist diskret.« Sein Team. Er spricht das immer so aus, als ob die drei seine Familie wären. Bei dem, was er zu tun hat, stimmt das sicher auch. In den Monaten, seit der Mörder der Pudding-Witwe Hedda Kernbach im Knast sitzt, habe ich es nur sieben Mal geschafft, mich wirklich mit dem Hauptkommissar meines Herzens zu verabreden. In der anderen Zeit hat er Fälle gelöst. Mit beachtlichem Erfolg, auch das ist in der Presse und im Internet nachzulesen. Hauptkommissar meines Herzens. Sieben Dates. Nix passiert. Meine Tochter Luise hat ihren ersten Freund schon nach vier Treffen geküsst. Und wer weiß, wie weit sie mit ihm bereits gegangen ist. Ich kann nicht fragen. Das würde sie ihrer Mutter ohnehin nie erzählen. Meine Nathalie ist viel mehr Kind als ihre Schwester, hat nur einen Schwarm in der Nachbarschaft, da läuft sicher noch überhaupt nichts. Wie unähnlich sich meine Zwillinge sind, nicht nur äußerlich. »Erde an Leo. Hallo.«
Oh, wieder zu viel gedacht. Kann ich das denn nicht wenigstens für ein paar Minuten lassen? »Entschuldige. Also, weißt du, die meisten neuen Patienten, die nur wegen des Medienrummels aufgetaucht sind, sind tatsächlich geblieben.« »Is doch super!« »Hier kommt mein eigentlich. Ich schaff das allein nicht mehr. Brauche zumindest einen neuen Zahnarzt, der mich unterstützt.« »Und was ist dabei das Problem?« Ich könnte Jakob jetzt sagen, dass ich es seit dem Ausscheiden von Dr. Frederic Lang nicht geschafft habe, einem anderen Zahnarzt zu vertrauen. Egal ob männlich oder weiblich. Bei allen Bewerbungsgesprächen sehe ich eine Spritze in der Hand vor mir, die aus einem weißen Kittel hervorragt. Spritze! Scheiße, das musste ja jetzt kommen. Dass ich an mein größtes Problem denke, meine Spritzenphobie. Ich, als Zahnärztin. Leocardia Huberta Kardiff, du bist einfach unrettbar verkorkst. Fehlt nur noch, dass ich hier einen Schweißausbruch bekomme oder mir schwindlig wird. »Ist das Gespräch mit mir so langweilig, dass du dich wegträumen musst?« Ich schüttle schnell den Kopf. Meine blonden Locken fliegen von rechts nach links. Jakob grinst mich an und hebt seine Tasse. »Auf uns! Leo!« Ich mag es, wie er die Kurzform meines Namens ausspricht. Noch nie hat er mich Leocardia genannt, das ist wunderbar. Dr. Kardiff, ja, das schon, damals bei dem Verhör, nein, der Befragung, als ich mich in die Ermittlungen um den Mord an der netten alten Hedda Kernbach eingemischt habe. Brrr, da läuft mir jetzt noch eine Gänsehaut über den Rücken Jetzt ist aber Schluss, Leo. »Dir auch ein Prost, Jakob!« Die Sonne scheint. Es ist Samstag. Ich habe frei. Ich bin frei. Mein Gegenüber ist ein gutaussehender Singlemann. Ich selbst gerade noch vierundvierzig. Im besten Alter einer erwachsenen Frau. Bitte, lieber Gott oder liebes Universum, lass mich vor meinem Fünfundvierzigsten Sex haben. Gleich heute. Na ja. Vielleicht heute. Wir stoßen mit unseren großen Kaffeetassen an. Der Milchschaum darin schwappt hin und her. Wir lächeln uns an. Meine Töchter sind heute bei ihrem Vater. Mein Haus leer. Später könnten wir zu mir. Hört sich zu gut an. »Oh mein Gott!« Ja, an den habe ich auch eben gedacht. Die Kellnerin ist zurück an unseren Tisch gekommen, ich habe sie gar nicht bemerkt. Sie hat zwei Gläser mit frisch gepresstem Orangensaft in der Hand, der hat bei unserem Frühstück für zwei noch gefehlt. Statt die Gläser an unserem Tisch abzustellen, steht sie da mit offenem Mund und erhobenem Kopf, sieht nach oben, über die Straße nach oben, zum Haus gegenüber vom Café Rico. »Oh mein Gott!« Noch einmal derselbe Satz, diesmal lauter. Fast ein Schrei. Eine zweite Gänsehaut huscht über meinen Rücken. In dem Moment fällt ein großer Brocken herunter. Ein Sack oder eine Puppe fällt wie vom Himmel herunter und kracht auf das Dach eines der geparkten Autos. Neben uns schreckt ein anderes Pärchen hoch. Synchron. Gegenüber bleiben die Passanten stehen. Eine Mutter mit einem kleinen Kind, keinen Meter von dem Auto und dem gefallenen Gegenstand entfernt, springt zurück, reißt das Kind mit nach hinten. Jetzt fängt die Kellnerin neben mir zu schreien an. Die Gläser mit dem Orangensaft fallen ihr aus der Hand, und in genau diesem Moment beginnt in meinem Kopf alles in Zeitlupe abzulaufen. Der Schrei dehnt sich. Die Gläser fallen. Das Pärchen neben mir springt hoch. Wieder in einer fließenden gemeinsamen Bewegung wie Synchronschwimmer. Die Passanten gegenüber erstarren. Die Mutter nimmt das Kind in ihren Arm, umschlingt es, hält ihre beiden Arme um seinen Kopf. Neben mir stellt Jakob die Kaffeetasse achtlos auf den Tisch, der Schaum schwappt über. Auch er springt hoch, der Sessel kippt halb nach hinten, fällt aber nicht um. Jakob macht eine Drehung weg von mir, macht ein paar große Schritte über die schmale Straße, ist an dem Auto, auf das der Sack, der Gegenstand, die Puppe gefallen ist. Nur, dass es weder das eine noch das andere noch das Dritte ist. Es ist ein Mensch. Ein Mensch ist aus einem der oberen Stockwerke gegenüber gesprungen. Oder gefallen. Ist auf das Auto gekracht. Jetzt schreit nicht mehr nur die Kellnerin. Die vielen Schreie lassen die Zeit wieder in ihrem normalen Tempo laufen, und um mich herum bricht Panik aus. Viele springen jetzt auf und hoch, ein paar laufen Jakob über die Straße hinterher. In dem Moment dreht sich Jakob um und winkt in meine Richtung. Er winkt nicht nur, er wedelt wild mit einer Hand, die andere ist an seinem Ohr, er hat sein Handy an seinem Ohr, er telefoniert. Hauptkommissar Jakob Zimmer telefoniert. Schlägt Alarm. Und winkt nach mir. Klar, ich bin Ärztin. Zahnärztin zwar, aber ich bin die, die jetzt gebraucht wird. Die erste Hilfe leisten kann und muss. Schlagartig wird mir bewusst, dass ich es in den nächsten Sekunden vielleicht wieder mit einem Toten zu tun haben könnte. Nein, mit einer Toten. Ich kann langes Haar erkennen auf dem Kopf des Körpers, der seltsam verrenkt auf dem Dach des geparkten Autos gelandet ist. Einen Rock, hochhackige Schuhe an den Füßen, meinen eigenen High Heels nicht unähnlich. Komisch, dass die beim Fallen nicht von den Fersen gerutscht sind. Dann wird mein Blick auf das Szenario von all den Leuten verdeckt, die sich schon um den Unfallort zu sammeln beginnen. Ich sehe einen vor mir, der sein Smartphone hebt und fotografiert oder filmt. Ich stehe auf. Es ist Samstag. Mein siebentes Date mit Jakob. Die Sonne scheint. »Ich bin Ärztin, lassen Sie mich durch.« Wie laut und kompetent meine Stimme klingt.


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